Teaser

TEASER KAPITEL 02
«Lass mich dich was fragen», legte ich den Kopf schief. Edward seufzte und nahm seine Lesebrille ab. Dann benutzte er seine rechte Hand, um sich durch das Haar zu fahren. Für einen Moment analysierte ich die Farbe dieses Chaos'. Es war komisch .... faszinierend. Braun, mit einem leichten Rotstich. Man könnte sagen, bronzefarben.
«Was denn Bella?», zog er seine Braue in die Höhe und machte sich nicht die Mühe, seinen Ärger darüber, dass ich ihn beim Schreiben an seinem Laptop gestört hatte, zu verbergen. Mir war es egal, ich wollte meine Antwort. Vielleicht war ich manchmal egoistisch, aber waren wir das nicht alle? Ehrlich, ich persönlich kannte niemanden, der vollkommen selbstlos war. Ganz einfach.

«Warum räumst du jeden Morgen die Küche so extrem auf?», fragte ich dann und winkelte meine Beine an.
«Man weiß nie, wie der Tag endet», antwortete er ohne großes Zögern. «Was, wenn etwas Gravierendes geschieht oder einem von uns was passiert.»
«Stimmt», nickte ich. «Natürlich – wenn uns was passiert, ist es natürlich sehr wichtig, dass die Wohnung sauber ist. Sehr wichtig», erwiderte ich sarkastisch. Edward verzog keine Miene.

«Ich bin nicht davon ausgegangen, dass du es verstehen würdest», sagte er und widmete sich wieder seinem Notebook auf dem Schoß. Ich seufzte genervt.
«Sonst noch irgendwelche Lebensweisheiten, Mister Cullen, der ja ach so perfekt ist?»
«Ja, da gibt es tatsächlich noch was», sagte er und hob den Blick, um mich anzusehen. «Wenn du keine Ahnung hast, dann halt einfach die Klappe.» Und damit widmete er sich wieder seinem Getippe, aber nicht, bevor er seine Brille wieder auf die Nase gesetzt hatte.

«Warum hasst du mich so?», entfuhr es mir prompt und am liebsten hätte ich mir auf die Zunge gebissen. Verdammt, das war doch lächerlich, oder?
Edward zog erneut seine Braue in die Höhe und ich konnte mir nicht helfen, als seine Augen mich quasi gefangen hielten. Sie waren so tief und so grün. Beinahe funkelnd, wie zwei Smaragde.
«Wo fang ich an, wo höre ich auf», murmelte er wohl mehr zu sich selbst. Wütend verschränkte ich die Arme vor der Brust und kräuselte meine Zehen. Innerlich zählte ich bis zehn. Es war unglaublich, wie schnell er meine Wut hinauf beschwören konnte.

«Eigentlich ist es irrelevant», sagte er schließlich. «Du würdest es nicht verstehen.»
«Ich bin nicht dumm, Edward!», fuhr ich ihn an. «Bitte, sag mir warum du mich hasst», schnaubte ich und machte eine ausladende Handbewegung.
Erneut nahm er mit einem tiefen Seufzer die Brille ab und kniff sich in den Nasenrücken, nur um sich dann die linke Schläfe zu massieren. Seine gebräunte Stirn lag in tiefen Falten.
«Du wirst mich nicht unterbrechen», stellte er dann mit einem warnenden Blick klar. Ein erneutes Schnauben entrang sich meiner Kehle, doch ich erwiderte nichts.
«Es geht damit los, dass du Kunst studierst. Wie viele Menschen würden alles dafür geben, an der Columbia zu studieren? Und DU, die die Möglichkeit dazu hat, entscheidet sich für Kunst. Was wird dir das bringen? Meinst du wirklich, du wirst zum nächsten Picasso, Isabella? Meinst du deine naiven, kindlichen Träume bringen dich in irgendeiner Art und Weise weiter im Leben?» Es war eine rhetorische Frage, doch mein Mund öffnete sich von allein, um ihm eine Antwort entgegen zu pfeffern. Was hatte dieser Mistkerl für ein Problem?

«Unterbrich mich nicht», wiederholte er ruhig und ich schlug laut die Zähne aufeinander und knirschte mit ihnen. Mein Atem ging schneller, denn ich fühlte mich angegriffen, was er wohl auch beabsichtigt hatte.
«Des Weiteren komm' ich mit deinem chaotischen Leben nicht klar. Nichts ist klar gestrickt, absolut nichts. Du lebst in Unordnung und das Schlimme ist, dass du dich darin auch noch wohl fühlst. Hast du auch nur die leiseste Ahnung, was dieser Dreck alles verursachen kann?» An seiner Tonlage, die immer kühler wurde konnte ich erkennen, dass hinter seinen Worten weitaus mehr steckte.
«Was meinst du? Dass Kakerlaken in meinem Zimmer rum krabbeln? Es ist ja nicht so, dass ich wirklichen Dreck darin hab – nur Unordnung!», verteidigte ich mich. Edward lachte trocken auf.
«Das ist es nicht, was ich meine, aber früher oder später wirst du es verstehen. Du hast überhaupt keine Ahnung, Bella, was das alles anrichten kann.» Und damit klappte er seinen Laptop zu und erhob sich.

«Äußere Ordnung ist oft nur der verzweifelte Versuch, mit einer großen inneren Unordnung fertig zu werden», schoss das Zitat von Albert Camus aus mir heraus. Poesie, Bücher, Zitate, waren neben Kunst ein weiteres großes Hobby von mir. Als Edward verwundert den Kopf über die Schulter drehte, blickte ich ihn herausfordernd an. «Wie gesagt – ich bin nicht dumm», setzte ich nach. Edward lachte hart und kopfschüttelnd.
«Aufgabe von Kunst heute ist es, Chaos in die Ordnung zu bringen – Theodor W. Adorno.»