«Und ruf an, wenn was ist», sagte Jasper, während er mich umarmte.
«Jaa, Jazz», rollte ich die Augen. Alice hinter ihm lachte leise.
«Ich versteh schon, warum er so besorgt ist. Euch beide ein ganzes Wochenende alleine zu lassen ist ziemlich gewagt», gluckste sie. Ich ließ von Jasper ab und drückte ihr einen Kuss auf die Wange.
«Ich verspreche das Blut wegzuwischen, falls ich ihn umbringen sollte», grinste ich. Edward der hinter mir an der Wand lehnte, schnaubte verachtend.
Ich ignorierte ihn gekonnt und ließ dann von Alice ab. «Also, viel Spaß ihr beiden!» Unten hupte wohl ein ein Taxi. Jasper beäugte Edward und mich nochmal kritisch, ehe er tief seufzte und sich seine Reisetasche schnappte.
«Alice, was nimmst du alles für zwei Tage mit?», zog ich eine Braue in die Höhe und begutachtete ihren viel zu großen Rollkoffer.
«Man weiß ja nie», murmelte meine Freundin und ich lachte auf.
«Also, wir melden uns, wenn wir da sind», sagte Jasper. «Und schlagt euch nicht die Köpfe ein.»
«Wir doch nicht», zwinkerte ich ihm zu. Edward trat neben mich und hielt den beiden die Türe auf.
«Bis am Sonntag dann», verabschiedete er sich.
«Bis am Sonntag.» Und wir sahen den beiden nach, bis sie die Treppen hinab verschwunden waren. Sobald Edward die Türe geschlossen hatte, seufzte ich. Super. Nun war es also soweit. Jasper war weg und ich war mit Mister Perfect alleine. Mein Blick wanderte über seine Gestalt, sein strahlend weißes, mit Bügelstärke gestärktes Hemd und seine glatte, hüftige Jeans.
Edward räusperte sich und drängte sich an mir vorbei, in Richtung Küche.
«Und jetzt?», rief ich ihm nach.
«Muss ich dich beschäftigen?», antwortete er spöttisch. Ich stapfte ihm hinterher in die Küche und musterte ihn; Er machte sich gerade was zu Essen warm.
«Nein, aber vielleicht sollten wir überlegen, wie wir zwei Tage alleine miteinander klarkommen sollen?», fuhr ich ihn genervt an. Ich beobachtete mit einem Stirnrunzeln wie er die Mikrowelle öffnete, obwohl die Zeit noch nicht abgelaufen war und seinen Teller heraus nahm. Gott, er war so ungeduldig. Er schnappte sich eine Gabel aus der Schublade die natürlich feinsäuberlich sortiert war, wandte sich zu mir um und rollte die Augen. Anschließend lief er an mir vorbei und setzte sich mit seinem dampfenden Teller an den Küchentisch.
«So wie bisher auch», antwortete er schließlich. «Du gehst mir aus dem Weg, ich gehe dir aus dem Weg.»
«Toller Plan, wenn man zusammen wohnt, Cullen», schnaubte ich und verschränkte die Arme vor der Brust.
«Er würde funktionieren, wenn du mir nicht ständig nachlaufen würdest», erwiderte er ungerührt und monoton. Nachlaufen? Wie bitte?
«Ich laufe dir nicht nach», stellte ich ruhig klar.
«Nicht? Was machst du dann hier?», fragte er auf die Küche deutend. Ja, mhmh ... was machte ich hier?
«Ich wollte nur-» Das schrille, laute Klingeln an der Türe unterbrach meinen begonnenen Satz.
«Mach dich nützlich und geh gucken wer es ist», deutete er mit der Gabel in den Flur. Oh ... ich hätte ihm ja eine Antwort entgegen gepfeffert, wenn es nicht schon wieder geklingelt hätte.
Also drehte ich mich wütend herum und ging zurück zur Haustür, um sie zu öffnen.
Rose stand in ihrer ganzen Perfektion und Schönheit vor mir.
«Meine Gebete wurden erhört», zwinkerte ich ihr zu und beugte mich nach vorne, um ihr ein Küsschen auf die Wange zu geben.
«Oh Oh, Jazz ist weg, oder?», fragte sie lachend nach und gab sich nicht einmal die Mühe, leise zu sein. «Wie ist seine Laune?» Ich wusste, dass sie Edward meinte. Sonst hatte ja niemand solche Stimmungsschwankungen.
«Wenn ich im selben Raum bin? Beschissen wäre geprahlt», grinste ich und schloss die Türe hinter ihr. Rose ging vor mir her und wieder einmal mehr, keimte ein klitzekleines bisschen Neid in mir auf. Sie war einfach eine Schönheit - dass sie noch an keiner Misswahl teilgenommen hatte, lag wohl nur an Emmett, der das zu verhindern wusste. Er teilte nicht gerne und er mochte es auch nicht so gerne wenn `Sein Mädchen´ alleine wegging. Er liebte sie und er fand es okay, wenn die Männer seiner Freundin nach sahen, aber nur, wenn er dabei war und alles unter Kontrolle hatte.
Rose trug heute eine hautenge, dunkelblaue, überlange Jeans, dazu die höchsten High Heels, die man im Winter tragen konnte, ohne damit auf die Nase zu fallen und einen roten Rollkragenpulli. Ihre Haare fielen ihr offen und wellig über den Rücken und die Duftfahne, die sie hinter sich herzog war – wie immer- fantastisch. Alles passte genau zusammen.
Rose drehte sich im Gehen leicht zu mir und zwinkerte. «Kann ich meine Schuhe anlassen?»
«Aber natürlich», rief ich, ohne groß darüber nachzudenken und wir liefen weiter in die Küche. Als wir auf Edwards zusammengezogene Augenbrauen und diesen eiskalten Blick trafen, wurde mir klar, dass dieses «Aber natürlich» für Rosalies Schuhe wohl doch nicht so optimal gewesen war. Man sah deutlich, wie es in ihm zu brodeln anfing und er sich zusammen nehmen musste.
«Rosalie.»
«Edward. Schön dich zu sehen», erwiderte sie zuckersüß auf seine leicht angesäuerte Tonlage. «Wie geht’s dir?»
Edward schnaubte verachtend. «Als würde es dich interessieren», murmelte er und vertiefte sich wieder in das Essen vor ihm.
«Bella? Gibt’s Kaffee?», fragte Rose an mich gewandt und ich nickte leicht.
«Jepp. Klar.» Ich griff nach der Kaffeekanne hinter uns und goss ihr in die Tasse, die ich aus einem der Hängeschränke genommen hatte, ein. «Zucker, Milch?» Ich verkleckerte ein bisschen und grinste leicht.
Das würde ihn wieder zum Ausflippen bringen, ihn… Mister Pingelig. Ich stellte die dampfende, blaue Tasse mit Arielle vorne aufgedruckt vor Rosalie ab und Edward seufzte.
«Könnt ihr keinen Untersetzer nehmen?» Ich rollte mit den Augen und ignorierte ihn.
«Nein», antwortete Rose prompt
«Lass das, Rosalie», knurrte Edward.
«Jaja, du kannst mich mal Eddi.»
«Nimm mich ernst. Nimm einen Untersetzer», presste er hervor und die Falten auf seiner Stirn vertieften sich ein wenig.
«Aber sicher, Eddi.»
Edward schnaubte wütend und versuchte uns wohl mit seinen Blicken zu erdolchen.
«Also Bella, du weißt, dass wir heute Abend weggehen. Wie siehts aus, hast du jetzt eine Begleitung?!», fragte Rose mich. Ich schnappte nach Luft. Scheiße, das hatte ich total vergessen. Was jetzt?!
«Ich.... öhm ...»
«Meinst du ernsthaft, dass Bella sich um irgendwas alleine kümmern kann?», fragte Edward spöttisch. «Sie kann nicht mal ihren verfluchten Dreck selbst wegmachen.»
«Ahh … aber immerhin kann ich mir alleine etwas von deinem Zeug im Kühlschrank nehmen», schoss ich zurück. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen und Rose lachte leicht.
«Edward, halt die Klappe. Du, als Mister Perfect, hättest auch einfach anbieten können, mitzugehen», erwiderte Rose ruhig und trank ihren Kaffee in kleinen Schlücken.
«Lieber bring ich mich um», riefen wir wie aus einem Mund.
«Ohh, ihr seid euch einig. Wie süß. Also geht das klar, oder? Ich will dich zwar auch nicht dabei haben, aber manchmal muss man eben Opfer bringen, Cullen», grinste Rose ihn an.
Edward schnaubte. «Glaub nicht, dass Miss Blondi und Miss Ätzend mir sagen können, was ich zu tun habe. Überhaupt, was macht ihr hier in der Küche? Geht doch lieber in die Hölle von dieser Satansbraut da.»
Edward nickte wage in meine Richtung.
Himmel, wieso musste der Kerl immer so ein Arschloch sein? Konnte er sich nicht normal verhalten? Nicht, dass ich wollte, dass er mich begleitete, aber verflucht, das war noch lange kein Grund ausfallend und beleidigend zu werden.
Ich grinste ein wenig provokant. «Rose, ist dir schon mal aufgefallen, dass Edward immer ausfallen und fies wird, wenn er nicht weiter weiß?», fragte ich scheinheilig nach und bedachte Edward mit einem zuckersüßen Lächeln.
Ohh ja.. ich liebte das, gleich würde er wieder beleidigend werden, weil er nicht mehr weiter wusste – genau wie ich sagte.
Rose rührte in ihrer Tasse und lächelte ihn an. «Oh Edward, wenn wir dir helfen können.. damit du dieses… -wollen wir es Tief nennen- überwinden kannst, dann sag einfach Bescheid. Bells und ich, sind doch für dich da.»
«Halt deine Klappe, Rose. Du weißt genau, dass das Schwachsinn ist-», stritt er ab und ich fiel ihm prompt ins Wort.
«Rose, das ist wie bei einem Alkoholiker, der streitet auch ab, dass er süchtig ist… vehement. Und das tut er auch.. vielleicht.. sollten wir einen Arzt rufen», grinste ich und ließ meinen Blick über Edwards zusammengepresste Lippen gleiten. Gleich würde er ausflippen. So richtig aus sich rausgehen. Oh… der Sturm zog auf.. ich konnte es riechen. Die Ader an seinem Hals fing zu pochen an, ehe er wirklich explodierte.
«Habt ihr verdammten Tussis nichts Besseres zu tun, als mir auf die Eier zu gehen?!», schrie er ungehalten und sprang von seinem Stuhl auf, baute sich bedrohlich vor uns auf und funkelte uns wütend an.
«Ich wusste es», flüsterte ich Rose zu und sie presste die Lippen zusammen, um nicht laut zu lachen.
«Aber, aber Edward, Darling, wir wollen doch nicht unhöflich werden. Hast du keine gute Erziehung genossen?», fragte Rose scheinheilig.
«Rose, ich schwöre dir, halt deine Klappe, oder-», knurrte Edward weiter.
«Oder was?», fiel ich ihm ins Wort und er drehte ruckartig seinen Kopf zu mir. Könnten Blicke töten, dann wäre ich jetzt wohl nicht mehr unter den Lebenden. Er hasste mich. Abgrundtief. Ich sah es, mal wieder, in seinen Augen. Irgendwas hatte er gegen mich und manchmal dachte ich, es würde an die Oberfläche kommen, aber immer – jedes scheiß Mal- hatte er sich rechtzeitig wieder unter Kontrolle.
Er betrachtete mich von oben bis unten, ehe er leicht einen Mundwinkel nach oben zog und spöttisch grinste. Kurz bevor er zur Küche hinaus ging, wandte er sich noch einmal an Rose.
«Du warst mal so cool, Rose. Und jetzt? Jetzt bist du wie sie», spie er aus und Rose brauchte einen Moment, um sich zu sammeln. Himmel, was war das gewesen?
«Du, Edward Cullen, warst schon immer Scheiße», brüllte sie ihm nach und trank dann energisch einen Schluck Kaffee. Edward ignorierte ihren Einwand und verließ die Küche.
«Wieso ist er so zu mir, Rose? Ich versteh es echt nicht. Alle sagen immer er wäre soo nett, cool, freundlich aber ich kenne ihn einfach nur als Arschloch», murmelte ich und kratzte mich leicht am Oberarm.
«Bella, du willst doch nicht sagen, dass es dir was ausmacht?», fragte sie und zog ihre Brauen in die Höhe.
«Na ja, meistens nicht, aber ich spüre, ich sehe, dass er mich hasst. Warum auch immer. Ich find mich nämlich eigentlich ganz toll», grinste ich sie schwach an.
Ich wollte das Gespräch in eine andere Richtung lenken, denn das hier, das würde nur im Streit enden. Rose war die einzige in der Clique, die Edward nicht ausstehen konnte. Als ich sie einmal fragte wieso, meinte sie nur, dass er im Gegensatz zu früher einfach ein Arschloch geworden wäre und sie damit nicht klar kommen würde. Keiner wusste wieso… na ja.. die Jungs? Die hatten diese Wandlung von ihm akzeptiert, sagte sie mir. Wenn man Jasper und Emmett Glauben schenken konnte, dann war er auch zu den Jungs nicht so. Nur, wenn eine von uns Mädels dabei war, war er so ein egozentrischer Wichser.
«Was machen wir jetzt mit dir?», fragte Rose. «Ich find dich nämlich auch toll und verstehe nicht, warum du keine Begleitung hast.»
«Ehrlich gesagt, hab ich ganz vergessen, mich darum zu kümmern», murmelte ich und biss mir auf die Unterlippe.
«Emmett würde sich bestimmt freuen, wenn Edward dabei wäre .. demnach würde er nicht den ganzen Abend an mir rumfummeln und das wiederum bedeutet, dass wir beide mehr Zeit zum Lästern und Trinken hätten. Hast du deinen Ausweis?»
«Ich hab beide», zwinkerte ich ihr zu. Ja, ja ich weiß, es war illegal... ABER ich hatte einen zweiten, gefälschten Ausweis, neben meinem eigenen. Und auf diesem war ich 21. Anders kam ich nicht in die Clubs und ich war einfach ein Partymensch. Ich brauchte das. Deswegen hatte ich mir den Müll zugelegt. Auf dem Ausweis hieß ich Charlotte Anderson. Wie auch immer.
«Aber ich will echt nicht das fünfte Rad am Wagen sein.»
«Deswegen rede ich jetzt nochmal mit Edward. Auch wenn er mir auf'n Sack geht», seufzte Rosalie.
«Du musst das nicht tun, Rose – ich will ihn sowieso nicht dabei haben. Er ist eine Spaßbremse», zuckte ich die Achseln.
Rose winkte nur ab und murmelte, dass ich sie mal machen lassen sollte. Nun gut.
Sie stellte also ihre Kaffeetasse auf dem Tisch ab und schlenderte dann in den Flur.
Ich seufzte. Wenn Edward tatsächlich zusagen sollte ... dann wäre er den ganzen Abend dabei. Und ich hatte keine Ahnung, was ich davon halten sollte. Wahrscheinlich würden wir uns gegenseitig den Abend versauen.
Ich meine, er brachte mir nichts als Begleitung, oder? Immerhin stritten wir uns nur, also wäre es im Endeffekt doch irgendwie effektiver, wenn ich alleine mit Rose und Emmett gehen würde.
Abermals entwich mir ein lautes Seufzen. Wenn Rose sich etwas in den Kopf setzte, war es schier unmöglich, sie von ihrem Vorhaben abzuhalten. Eigentlich musste ich mein Wochenende auch gar nicht auf einer Party verbringen. Dieses Wochenende wäre ich tatsächlich auch mit einem guten Buch zufrieden gewesen – 'Dorian Gray', oder einen guten Thriller von Stephen King ... Vielleicht nochmal 'Die Frau des Zeitreisenden' ...
Oder einfach Kalorien in mich reinstopfen und dabei eine gute Soap wie Sex and the City, oder Two and a Half Men schauen .... Oder ich könnte mal wieder was zeichnen.
Mittlerweile fühlte ich mich richtig wohl in meinem Zimmer und verbrachte gerne meine Zeit dort in Ruhe. Ich hatte mehrere weiße Kreise auf meine beiden schwarzen Wände geklebt und schwarze Kreise auf die beiden, die weiß geblieben waren. Eigentlich war alles so weit fertig ... ich könnte aber auch einfach nur mal wieder meine Familie anrufen ... oder über das Wochenende besuchen fahren .. so weit wohnten sie ja nicht weg ...
«Bellaaaa!», rief Rosalie plötzlich laut.
Schnell wandte ich mich um und ging Richtung Flur.
«Was?», fragte ich meine Freundin und warf einen skeptischen Blick hinter sie – Edwards Türe war zu.
«Nun, Edward wird mitkommen, und jetzt komm, wir müssen uns fertig machen!» Sie zog mich am Ärmel in mein Zimmer und lief aufgeregt zu meinem Schrank.
«Stop, warte – Warst du etwa in seinem Zimmer?», wollte ich mit großen Augen wissen.
«Nein», schüttelte Rose ihren Kopf und ich seufzte tief.
«Rose, muss das sein? Du weißt, ich liebe Partys, aber mhmh ... Edward? Ernsthaft? Ich hab da echt keinen Bock drauf..», seufzte ich und strich mir ein paar wirre Locken aus dem Gesicht. «Außerdem muss ich noch eine Hausarbeit erledigen ...»
«Dafür hast du das ganze Wochenende», meinte Rosalie und schmiss Klamotten auf meinen Boden.
«Sag mal, hast du keine eigene Kleidung?», fragte ich mit empor gezogener Braue. Rose hatte die Vorliebe, sich tausende von Kleidern von mir auszuleihen. Gut, dass sie im selben Haus wohnte, denn sonst würde ich besagte Kleidung wohl nie wieder sehen.
«Ich mag deinen Stil», murmelte sie konzentriert.
Ich seufzt frustriert und ließ mich rücklings auf mein Bett fallen.
«Ich bin so müde ...», murmelte ich und rieb mir mit beiden Fäusten über die Augen. «So verdammt müde ..» Meine Worte wurden von einem lauten Gähnen unterstrichen und plötzlich spürte ich, wie mich etwas am Kopf traf.
«Ahh .. Rose!», rief ich lachend und riss die Augen auf. Es war eine meiner tausend Ketten gewesen.
«Heute ist Freitag. Hier wird nicht geschlafen.» Sie grinste mich an und wühlte weiter im Schrank.
«Nun», murmelte ich und setzte mich leicht auf. «Also ich verstehe nicht, warum du Edward nicht magst – er hat offenbar dieselbe Einstellung wie du 'Wer-braucht-schon-Schlaf'?»
Rose warf ein Top nach mir und ich fing es lachend auf «Könntest du aufhören, uns miteinander zu vergleichen? ICH bin nicht so krankhaft ordentlich wie er.»
«Lass ihn», gluckste ich «Immerhin ist er auf dem besten Weg, der nächste Carlisle Cullen des New Yorks zu werden» Ich lachte und griff nach der Kirschsaftflasche auf meinem Nachttisch. Schnell öffnete ich den Verschluss und ließ den süßen Saft meine Kehle hinab gleiten. Das war köstlich.
«Oh ja – der große Chirurg Edward Cullen – ich seh schon die Schlange an Blondinen, die sich bei ihm die Brüste vergrößern lassen will», schnaubte Rose.
«Mhmh», machte ich immer noch mit der Flasche an meinem Mund. «Wie auch immer ..» Ich machte die Flasche wieder zu und öffnete meine Schreibtischschublade. Schnell packte ich meinen Tabak und meine Papers aus, ehe ich mich damit an den Schreibtisch setzte. Rosalie rümpfte die Nase.
«Warum kaufst du dir nicht einfach welche?», wollte sie wissen, als sie sich ein blaues Kleid vor dem Spiegel anhielt.
«Weil ich kein Geldscheißer bin», entgegnete ich trocken «Ich kann mir nicht jeden Tag 'ne neue Schachtel kaufen ...» Ich nahm mir eine leere Schachtel, in der ich die Zigaretten verstaute, die ich fertig gerollt hatte.
Ich beschloss, Rose einfach Rose sein zu lassen. Sollte sie doch rumwühlen und sich aussuchen, was sie wollte. Es war mir egal. Träge zündete ich mir eine Zigarette an und zog die Beine auf meinem Schreibstichstuhl an, um mich immer wieder im Kreis zu drehen. Solange bis mir schlecht wurde. Das machte Spaß.
Himmel, die Welt war verrückt und der Anführer saß drüber in seinem verfluchten Reicher-Schnösel-Zimmer. Ich seufzte tief, irgendwie würde ich diesen Höllentrip aka der Partyabend schon überleben.
Ich starrte die Kippe in meiner Hand an – Gott, was würde ich geben, wenn beruhigendes Marihuana reingedreht wäre. Aber gut, noch mehr Straftaten konnte ich mir nicht erlauben. Immerhin hatte ich ja schon einen gefälschten Ausweis.... jetzt hieß es nur, nicht auffallen. Ich versuchte mich einzig und allein darauf zu konzentrieren, heute Abend die Sau rauszulassen und Edward zu ignorieren.
Das, genau das, war meine oberste Mission.
*
«Ich kann es einfach nicht glauben!», rief ich aus und schüttelte meine braunen Locken. «Ich glaube es einfach nicht.»
Meine Augen huschten wieder über seine Gestalt und ich nahm einen Schluck von meinem Mischgetränk. Prosecco mit RedBull. Es war eine Eigenkreation von Alice gewesen und es schmeckte uns allen, also tranken wir den Scheiß irgendwie immer.
Na ja. Was soll´s. Zurück zum Thema. Ich konnte es einfach nicht glauben. Es fühlte sich so an – das, was sich vor meinen Augen abspielte- als würden sich meine Gedärme nach außen stülpen und langsam jegliche Flüssigkeit verlieren. Es war einfach unfassbar. Nicht auszuhalten. Irgendwie so... grotesk.
«Ich kann es nicht glauben», murmelte ich erneut und Rose fing zu lachen an. «Weißt du, Rose, ich sehe es mit meinen eigenen Augen. Ich registriere es, aber verstehen? Verstehen kann ich es nicht», fuhr ich fort und schüttelte erneut meinen Kopf.
Das, was sich da gerade vor mir abspielte, war einfach nur so weit weg. Ich hatte schon viele Geschichten über den Party-Ordnungsfreak-Edward gehört, aber geglaubt hatte ich sie nie wirklich. Doch nun wurde es mir bewiesen. Erneut nahm ich einen großen – richtig großen – Schluck meines Getränkes und betrachtete das mir gebotene Bild genauer.
Edward lehnte mit dem Rücken genau mir gegenüber an der anderen Bar. Seine Unterarme hatte er auf dem Tresen abgestützt und seine Beine lässig voreinander gekreuzt. Das erste Mal, seit ich ihn kannte, trug er ganz normale lässige Kleidung... schwarze Converse mit einer hellen, leicht verwaschene Jeanshose, die tief auf seinen Hüften saß. Man konnte einen kleinen Streifen seiner braungebrannten Haut sehen, da sein anthrazitfarbenes, enges Longsleeve leicht hoch gerutscht war. Die Ärmel hatte er nach oben geschoben, sodass seine sehnigen Unterarme zum Vorschein kamen. An seiner linken Hand war ein silberner Ring von dem mir Rose erklärt hatte, dass er ihn schon seit Jahren besaß. Es war, laut ihr, ein Cullen-Familien-Wappenring.
In der rechten Hand hielt er eine vor sich hin qualmende Zigarette. Er rauchte so, wie die meisten Männern es taten. Die Kippe relativ weit hinten zwischen Zeigefinger und Mittelfinger geklemmt.
Um seinen Hals hing eine schmale und doch männliche silberne Kette mit kleinen Gliedern. Man konnte nur den Teil oberhalb seinen Shirts sehen, da der Rest unter dem Grau verborgen lag. Sicherlich bildete es einen sexy Kontrast zu seiner gebräunten Haut und wenn ich mir noch aus den zahlreichen nächtlichen Begegnungen seinen durchaus trainierten Oberkörper in Erinnerung rief, durchlief mich – ob ich wollte oder nicht- ein Schauer.
Sein Schlüsselbein war ausgeprägt und da er im Moment schallend lachte, hatte er den Kopf in den Nacken geworfen. Seine Brustmuskeln zeichneten sich deutlich unter dem engen Stoff ab.
Dabei vibrierte sein Adamsapfel ein wenig und ich entdeckte in diesem Moment an seiner Haut etwas, das ich noch nie zuvor an ihm sehen durfte. Den Ansatz eines Bartes.
Hatte sich Mister-Ich-bin-perfekt- etwa nicht rasiert, bevor wir gegangen waren? Na gut, heute Abend würde mich wohl nichts mehr an ihm erstaunen. Möglicherweise war er wieder auf Frauenfang.
Als Edward aufhörte zu lachen, schoss sein Kopf hinüber zu Emmett und er boxte ihm leicht gegen die Schulter, woraufhin dieser nur lachte und mit seinen dunklen Augenbrauen wackelte.
Ich seufzte und wandte mich zu Rose um.
«Ich kann es einfach nicht glauben», sagte ich erneut. Edward wirkte so locker und gelöst. So normal, das war unfassbar. Ehrlich, ich hatte schon viele Männer so gesehen aber noch nie, wirklich noch niemals, Edward. Er, der immer alles akribisch genau hatte. Der keinen Millimeter von seiner Linie oder seinem Plan abwich. Er, der einen Plan machte, um einen Plan zu machen. Er stand jetzt an der Bar und wirkte einfach nur unglaublich anziehen und sexy? Verfluchter Mist, was für eine Scheiße dachte ich da? Ich konnte den Kerl nicht einmal leiden und jetzt sagte ich, dass er gut aussah und anziehend wirkte? Himmel, ich dachte das sicherlich nur, weil er sich das erste Mal so benahm, wie sich eben ein normaler Mann benimmt. Wow. Ich war wirklich beeindruckt. Totally Impressed.
«Du würdest mir nicht glauben, wenn ich dir sagen würde, dass er früher immer so war, huh?», fragte Rose mich grinsend. Ich verdrehte kurz die Augen und sah ihn nochmals an. Er hatte den Kopf im Moment leicht schief gelegt und biss sich auf die Unterlippe. Er zog sie zwischen seine Zähne, die strahlend im Schwarzlicht leuchteten. Er sah wirklich gut aus. Ohne den Blick abzuwenden, antwortete ich Rose.
«Nein, würde ich wohl nicht glauben.» Rosalie lachte glockenhell.
«Dann versuch ich auch gar nicht erst, dir das einzutrichtern.»
Jedoch war meine Neugierde geweckt und ich wandte mich mit der Brust zur Bar, sodass Mister Mysteriös nun mein Rücken zugewandt war. Ich trank erneut einen Schluck von meinem Getränk und Rose bestellte sich gerade einen neuen. Himmel, ich brauchte viel Alkohol, damit ich DAS ertragen konnte.
Erwartungsvoll blickte ich ihr Seitenprofil an und Rose tippte mit ihrem rotlackierten Nagel auf der Bar rum, während sie ungeduldig auf ihren Longdrink wartete.
«Ahhh Rose...», stöhnte ich. Scheinbar gleichgültig wandte sie mir ihr schönes Gesicht zu und zog eine ihrer feingeschwungenen Brauen in die Höhe.
«Huh?», fragte sie mich.
«Du weißt genau, dass ich es wissen will, Hale», sagte ich und rollte meine Augen. Sie grinste leicht.
«Was willst du wissen, Baby?», fragte sie.
«Ich will wissen, was du meintest mit ' Er war früher immer so'», erwiderte ich und grinste den Barkeeper an, der nebenbei bemerkt wirklich toll war, als er Rosalies Getränk brachte.
Sie bezahlte kurz ihren Drink, ehe sie weiter sprach. «Mh...», machte sie. «Nun, Edward, Emmett und ich haben ja im selben Jahr zu studieren angefangen, deshalb kenne ich ihn schon von Anfang an», fing sie an zu erzählen. Ich seufzte frustriert. Irgendwie waren meine Freunde alle um die dreiundzwanzig – vierundzwanzig. Manchmal kam ich mir vor, wie ein Kind zwischen ihnen.
Rosalie unterbrach meine Gedanken. «Irgendwie war er früher viel lockerer, er hat die besten Witze gerissen, er hatte die schönsten Frauen und er war immer -und ich übertreibe nicht- wirklich immer gut gelaunt. Er war jemand, der morgens zwei Kaffee im Starbucks gekauft hat, damit du auch einen hast. Er trat immer seine letzte Zigarette ab und teilte sogar seinen letzten Kaugummi, wenn es nötig war. Manchmal kam er einfach so, auch wenn Em nicht zu Hause war, zu mir hoch und wir haben stundenlang auf der Couch relaxed und uns irgendwelche Talkshows angesehen, nur um über die Leute herzuziehen. Er war wie ein Bruder für mich und gleichzeitig mein bester Freund.» Rosalie seufzte und ich konnte einen Funken Traurigkeit in ihrem Blick sehen. Wie aus einem Reflex heraus, legte ich meine Hand auf ihren Unterarm. Ehe ich etwas erwidern konnte, fuhr sie fort.
«Man hätte Pferde mit ihm stehlen können und gleichzeitig, wenn du ein Problem hattest und er dir zugehört hat, gab er einem das Gefühl, der wichtigste Mensch für ihn zu sein und es würde nichts Wichtigeres momentan geben, als genau dieses Problem zu lösen. Egal, wie lächerlich oder kindisch es war. Er hat einem immer voller Geduld beim Lernen geholfen und wenn ich mit ihm in der Stadt war, ohne Emmett, hat er jedem Typen, der mich auch nur angesehen hat, mit einem Blick zu verstehen gegeben, dass ich nicht mehr zu haben war. Na ja, das hat sich wohl nicht geändert, denn zu seinen Freunden, außer zu mir, ist er ja immer noch so. Wir waren jedes Wochenende alle zusammen, auch mit Alice und Jasper, drüben in Manhattan Party machen. Chalsea, Manhattan.... Himmel, es hätte auch die Bronx sein können, mit Edward konnte man damals überall Party machen.»
Rosalie seufzte tief und trank einen Schluck von ihrem Getränk. Man merkte ihr einfach an, dass das hier nicht gerade leicht für sie war und dass sie den alten Edward wie er war vermisste.
«Und was ist dann passiert?», fragte ich gebannt und stellte mir auch innerlich immer wieder die Frage, was diese Freundschaft wohl getrennt haben konnte. Was passiert war, dass Edward so geworden war.
Rose fuhr sich durch die blonden Locken und lächelte mich ein wenig von der Seite an. «Es kam alles so plötzlich, heute war alles normal und dann nicht einen Wimpernschlag später, war er komplett anders. Niemand weiß, wieso das so ist oder weshalb er sich so geändert hat. Aber-»
«Hey Baby!», ertönte Emmetts tiefe Stimme und kurz darauf schlangen zwei Arme sich um die Taille meiner Freundin.
Ich wandte den Kopf um und entdeckte Em´s dunklen Lockenkopf als er leicht das Gesicht nach unten neigte, um Rose einen Kuss hinter ihr Ohr zu drücken.
Ich mochte den Kerl wirklich, aber jetzt im Moment nervte es mich. Ich wollte doch wissen, was dann passiert war.
«Worüber redet ihr Mädels?», wollte er neugierig wissen und sah von mir zu seiner Freundin. Rose biss sich auf die Unterlippe. Himmel, Mädchen halt bloß die Klappe. Lass mich antworten, dachte ich mir, da erstens wirklich niemand wissen musste, dass ich ernsthaft an Edward Cullen und seinem Leben interessiert war und zweitens - ich liebte Rose. Das tat ich wirklich, aber verflucht, lügen konnte sie kein Stück. Sie wurde dann rot und kniff die Augen zusammen. Also nein. Mädchen sei still. Bevor sie den Mund aufmachen und eine unglaubwürdige Lügen ihre Lippen verlassen konnte, schaltete ich mich ein. Mit einem schiefen Grinsen auf den Lippen, zwinkerte ich Em zu.
«Ach, wir haben nur über verschieden Porno´s diskutiert und darüber, welche Stellungen aus dem Kamasutra wir schon durchgenommen haben.» Emmett riss die Augen auf.
«Woah, Baby!», murmelte er an Rose gewandt. «Was zur Hölle machst du, wenn ich nicht da bin?», erwiderte er genauso ironisch, wie meine Antwort gewesen war. Er grinste sie verschmitzt an und sie drehte sich mit einem Seufzen zu ihm, herum und stemmte ihre zarten Hände gegen seine Brust.
«Was Mädchen halt so machen, wenn sie alleine sind», zwinkerte sie im zu und klimperte mit ihren langen, schön geschwungenen und getuschten Wimpern.
«Huh.....», grinste er sie an «Ich hab mir schon immer vorgestellt, wie es wäre mit euch Beiden....» Rose schlug ihm gespielt empört auf die Brust und ich drehte mich schallend lachend weg, als Em sich herunter beugte, um meine blonde Freundin lachend zu küssen.
Mein Blick huschte durch den überfüllten Club und ich hielt nach einem halbwegs annehmbaren Typen Ausschau. Himmel, ich hatte seit meinem Ex keinen anderen Mann mehr gehabt aber das hier war eine neue Stadt, ein neues Leben und ich musste wirklich endlich abschließen. Immerhin konnte ich ihm ja nicht wirklich wichtig gewesen sein, wenn er von heute auf morgen mit keinem richtigen Grund Schluss machte.
Ich versuchte den Gedanken 'Ex-Freund' zu verdrängen und stieß mich mit meinem Getränk, welches ich nach wie vor in der Hand hielt, von der Bar ab.
Na gut, ich gehörte immer noch zu der Sorte Frau, die darauf wartete, von einem Mann angesprochen zu werden und die nicht von selbst auf einen Mann zuging. Das war schon immer so gewesen und würde auch immer so bleiben. Der Mann war einfach der Jäger.
Ich klemmte meine Clutch unter den Arm, trank mein Glas aus und stellte es auf die Bar, ehe ich in Richtung Toiletten ging,
«Bella!», hörte ich Rose rufen. Oh, ich hatte wohl vergessen, mich abzumelden. Mit meiner Hand deutete ich auf die Toiletten und sie nickte mir kurz zu, ehe ich weiter ging.
Als ich vor der Türe stand, mit einer bescheuerten Frau, in einem komischen -ich glaube es sollte ein Abendkleid sein- Aufkleber an der Türe, trat ich das Holz mit meinem Fuß, der in einem Peeptoe steckte auf. Ich war zwar kein fanatischer Sauberkeits-Mensch und ich hatte auch keine Angst vor irgendwelchen komischen Bakterien, aber bei Toiletten hörte der Spaß auf. Nicht hinsetzen, nichts mit den Fingern berühren und die Türe mit dem Fuß aufkicken. Das war auch schon immer so und würde auch immer so bleiben.
Ich quetschte mich an den vielen Damen in dem kleinen Raum vorbei, murmelte immer wieder ein «Sorry» und stellte mich dann vor den Spiegel. Bevor ich hinein sah, kramte ich meinen Labello aus der Clutch und blickte dann auf. Ich schmierte mir das Zeug auf die Lippen, bevor ich ihn wieder verstaute. Schnell zwickte ich mehrmals in meine Wangen, damit sie den sanften Ton – wie von einem Rouge- annahmen. Ich zupfte an meinen Haaren rum und zerzauste sie noch ein wenig mehr, als es sowieso schon der Fall war und spitzte einmal die Lippen.
Dann betrachtete ich noch einmal mein Outfit im Spiegel. Ich trug ein schulterfreies zartrosa Corsagen-Kleid, dessen Nähte schwarz abgesetzt waren. Um meinen Hals hingen haufenweise schwarzer Perlenketten, in verschiedenen Längen und verschiedenen Stärken. An meinen Armen baumelten mindestens zehn schwarze Armreifen und meine beiden Ringfinger trugen ebenfalls schwarze Ringe mit einem großen, dunklen Stein. Alles funkelte und blitzte, wenn ich mich bewegte.
Ich schob einen Moment die Reifen zurück und strich über mein Tattoo am Handgelenk. Zwei Kirschen. Gott. Ich liebte den Scheiß. Kirschen und alles was daraus gemacht wurde, war cool.
Meine frisch rasierten Beine steckten in schwarzen Peeptoes und meine Fußnägel waren ebenfalls schwarz lackiert. Na gut, böse Zungen würden behaupten, dass schwarz meine Lieblingsfarbe war... EDWARD würde sagen, schwarz wie meine Seele.
Ich seufzte, griff nach meiner schwarzen Clutch und bahnte mir den Weg durch die tausend Tussis zum Ausgang.
Ich bekam gerade noch mit, wie die künstliche Blondine zur anderen sagte «Ohh mein Gott er war soooo süß.» Okay. Korrektur. Sagte? Nein quietschte. Ihr wisst schon, dieses typische «Er will mir seine Briefmarkensammlung zeigen!»-Quietschen. Einfach dieser schreckliche Laut, der aussagen sollte, wie toll toll toll toll doch eine Sache war.
Ich verdrehte die Augen, schob meinen Schuh zwischen die Türe und den Türstock und kickte sie auf. Mir meine Clutch fester unter den Arm klemmend, verließ ich den Ort der dummen Tussis.
Ich betrat durch den langen Gang wieder die Disco und stellte mich kurz an die Seite, um in meiner Tasche nach Kippen und einem Feuer zu kramen. Es dröhnte aus den Boxen 'Jerk it out'.
Lächelnd schüttelte ich den Kopf über diesen gute-Laune-Song und schob mir eine selbst gedrehte Zigarette zwischen die Lippen. Himmel, wo war nur mein Feuer? Das war so typisch für mich. Ich hatte sogar Tampons dabei, obwohl ich nicht einmal meine Regel hatte und nun fand ich mein Feuer nicht. Obwohl die Tasche echt nicht groß war. Aber gut. Wenn man etwas suchte, fand man es nicht. Heilige Ordnung, dachte ich genervt.
Mein Problem wurde gelöst als plötzlich eine kleine Flamme vor meinen Augen aufleuchtete. Ich hob den Blick und traf auf zwei dunkelbraune Augen. Zwei dunkelbraune, strahlende, große Augen umrahmt von dichten pechschwarzen – hab ich erwähnt, dass ich schwarz mochte?- langen Wimpern. Ein Lächeln huschte über meine Lippen und ich hob die Zigarette an das Feuer. Schnell fraß sich die Glut durch den Tabak und ich inhalierte tief den Rauch. Während das Nikotin in meine Lungen strömte, huschten meine Augen über seine leicht versifften weißen Chucks, über seine graue Jeans, die extrem hüftig – sodass man den Rand seiner ebenfalls weißen Short sehen konnte- saß. Meine Augen scannten seinen Oberkörper, welcher von einem weißen Shirt umhüllt wurde, welches man allerdings nur zur Hälfte sehen konnte, da er darüber einen schwarzen Cardigan trug von dem er die untersten drei Knöpfe geschlossen hatte. Die Ärmel hatte er bis zur Mitte seines Unterarmes hoch geschoben und an seinem Handgelenk baumelte ein silbernes Armband. Erneut sah ich in sein Gesicht, welches sehr markant war, jedoch frisch rasiert.
Auf seine Stirn fielen ein paar Strähnen seines hellbraunen Haares. Teilweise waren sie so lang, dass sie bis in seine schönen Augen fielen. Ich mochte seinen Haarschnitt auf Anhieb, er hatte was von einem Surferboy und war locker zwei Köpfe größer als ich.
«Danke», murmelte ich dann schnell als mir auffiel, dass ich ihn wohl schon gefühlte zehn Minuten anstarrte und er grinste leicht. Zum Verständnis hob ich meine Hand, in der ich die Zigarette hielt, leicht hoch.
Er nickte leicht und lehnte sich neben mir an die Wand. «Kein Problem», antwortete er in einer schönen, jedoch rauen Stimme. Sie war tief und männlich und ich seufzte leise. Ich glaube, das war die schönste Stimme, die ich jemals gehört hatte. «Wobei ich mich schon frage, warum eine Frau wie du, sich von einem Fremden die Zigarette anzünden lassen muss.» Er hob seine Augenbrauen. «Du bist doch nicht etwa alleine hier?», blickte er sich um.
Es tat gut so etwas zu hören, aber hey, ich war Bella Swan und nicht Miss Naomi Campbell. Es war ganz klar, was dieser durchaus attraktive Mann von mir wollte. Sex.
Ich zuckte die Achseln leicht und leckte mir meinen Labello von den Lippen. Gott, was eine scheiß Angewohnheit.
«Nein, unvorstellbar, aber tatsächlich habe ich Freunde», antworte ich ihm und lächelte ihn an. Himmel, was dachte denn dieser Typ? Dass ich ernsthaft heute Abend mit ihm ins Bett gehen würde? Ich kannte ihn doch gerade mal zwei Minuten und verdammt, so war ich einfach nicht. Würde er mich vorher daten, würde die Sache natürlich anders aussehen, aber Himmel, das hier lag klar auf der Hand. Männer waren so durchschaubar.
Ich schüttelte leicht den Kopf.
Er lachte leise und strich sich leicht über seinen Nacken. «Nun, das habe ich auch nicht behauptet», sagte er und sah von unten durch seine langen, dichten Wimpern zu mir auf. «Aber wie verantwortungslos können deine Freunde sein, wenn sie dich alleine der Männerwelt New Yorks zum Fraß vorwerfen?» Der schöne Mann neben mir, zündete sich ebenfalls eine Zigarette an und ich starrte regelrecht auf seine vollen Lippen, die den Filter umschlossen.
«Sie werfen mich niemanden vor. Ich kann sehr gut auf mich alleine aufpassen», erwiderte ich fest. Der Mann neben mir, lehnte seinen Kopf gegen die Wand und lächelte mich schon fast unverschämt sexy an.
«Darf ich wenigstens wissen, wie du heißt?», säuselte er und biss sich lasziv auf seine volle Lippe.
«Mein Name?», lächelte ich ihn an.
«Yeah... deinen Namen», flüsterte er und zu seiner Tonlage hätte nur noch gepasst, dass er seinen Arm ausstreckte und eine meiner Haarsträhnen um seinen Finger wickelte. Unauffällig schielte ich nach unten. Der Teufel auf meiner Schulter schrie mich an. «Sag deinen Namen, sag deinen Namen!» und der Engel säuselte in mein Ohr, dass ich erst einmal schauen sollte, ob er nicht einen Ring – DEN RING- am Finger trug. Innerhalb von Millisekunden scannte ich seine linke Hand. Kein Ring. Also wäre es doch nicht so schlimm ihm zu verraten, wie ich hieße, oder?
«Bella. Mein Name ist Bella», antwortete ich ihm, als wir jäh unterbrochen wurden.
«Brandon, lass die Finger von ihr. Such dir einen andere Schlampe, die heute Nacht dein Bett wärmt!», knurrte Edward – the Master himself- dazwischen.
Mein Blick huschte überrascht zu ihm und ich runzelte leicht meine Stirn. Verwirrt blickte ich ihn an, aber seine Augen waren starr auf diesen Brandon gerichtet. Himmel, kannte dieser Typ eigentlich jeden potentiellen Single- Mann in New York? Und warum versuchte er mich von ihm wegzudrängen? Er mochte mich doch gar nicht! Jedes Mal keifte er mich an oder ignorierte er mich und jetzt spielte er den Helden?
«Oh Gott», hörte ich Brandon murmeln. «Du hast was mit Cullen zu tun?»
Ich öffnete den Mund, um zu antworten, doch noch ehe ich etwas sagen konnte, spürte ich Edwards warme, leicht raue Hand die meinen Oberarm umklammerte und mich grob von Brandon weg zog.
Himmel, was zur Hölle tat dieser Typ da?
«Bist du bescheuert?», rief ich und schlug ihn mit meiner Clutch auf den Hinterkopf. «Lass mich los!» Unbeirrt führte Edward mich zum Vorraum der Toiletten bis zum hintersten Ende, wo niemand mehr in der Nähe war und drückte mich an der Schulter grob an die Wand.
«Hast du sie noch alle, Isabella?», giftete er los.
«Trifft sich gut, das wollte ich dich auch gerade fragen, Cullen», spie ich ihm entgegen und kreuzte die Arme vor der Brust.
«Was zur Hölle läuft eigentlich falsch in deinem Kopf?», schnaubte er nun und kramte nach den Zigaretten in seiner Hosentasche. «Es gibt hier tausende von Kerlen und du schnappst dir das Arschloch.» Edward legte den Kopf schief und zündete sich eine Kippe an. Mit einem Streichholz.Aber natürlich. Wieso kaufte sich der Mann nicht einfach ein Feuerzeug, wie jeder andere normale Mensch auch? Nein, Mister Perfect brauchte ein Streichholz. Was weiß ich.
«Hä?», entfuhr es mir verwirrt und ich schüttelte den Kopf, zog ihm die Kippe aus der Hand und ignorierte sein wütendes Schnauben. Ich inhalierte tief den Rauch, der in meinen Mund strömte, als ich daran zog und hob eine Braue in die Höhe. «Was interessiert es dich überhaupt?», fuhr ich ihn an und versuchte ihn mit meiner freien Hand von mir wegzudrücken. Er war ziemlich nah. Genau genommen so nah, wie noch nie.
«Brandon ist ein Wichser!», fuhr er unbeirrt fort und nahm mir die Kippe wieder aus den Fingern. Offenbar war er so in Rage, dass er gar nicht bemerkte, dass er in wenigen Sekunden an einem Filter ziehen würde, den meine Lippen ebenfalls schon umschlossen hatten.
«Na und? Wenn ich nun einmal auf Wichser stehe?», entgegnete ich trotzig, obwohl es gar nicht stimmte und nahm ihm wieder die Zigarette aus der Hand um daran zu ziehen. Einen Pluspunkt hatte er, er war kein Nassraucher. Gott Mädel, was für ne Hühnerkacke denkst du da?
Plötzlich umspielte ein spöttisches Lächeln Edwards Lippen und zog eine Braue in die Höhe.
«Wichser, huh?», fragte er noch einmal nach und ich nickte leicht mit dem Kopf. Es ging gar nicht darum, dass dieser Brandon – was ich im Übrigen sowieso selbst erkannt hatte- ein Arschloch war, nein es ging darum, dass sich dieser kleine neurotische Pisser vor mir hier so aufspielte. Edward griff nach meinem Handgelenk und holte sich mit der anderen Hand die Kippe zurück.
«Hör zu, Cullen», sagte ich betont ruhig. «Du zeigst mir ganz offensichtlich, dass du mich nicht ausstehen kannst. Du zeigst es mir jeden verdammten Tag. Also schreib du mir nicht vor, mit was für Typen ich mich abgeben soll und mit was für welchen nicht. Solange ich meine drecks-Griffel von dir lasse, kann es dir doch egal sein, was ich tue, oder?» Wütend stierte ich zu ihm hinauf und er mit zu Schlitzen verengten Augen zu mir hinab.
«Er ist gute zehn Jahre älter als du!», zischte er und ich nahm ihm die Kippe wieder aus der Hand.
«Na und? Ich steh eben auf die älteren, reiferen Semester!», schleuderte ich ihm entgegen.
«Er wird dich heute flachlegen und morgen weiß es ganz New York!», konterte er.
«Na und? Ich stehe gerne im Mittelpunkt», log ich gespielt gelangweilt.
«Vielleicht füllt er dich vorher noch ab!», versuchte er es erneut und seine Stimme klang eher wie ein Knurren.
Ich zuckte die Achseln «Ich bin gerne betrunken!», lächelte ich ihn süß an. Edward kam mir noch einen Schritt näher und mein Rücken drängte sich wieder an die Wand.
Mir glitt die Zigarette aus der Hand und ich versuchte das leichte Zittern meiner Hände zu unterdrücken.
«Du wirst Eine von vielen sein... stehst du darauf Eine von vielen zu sein?» WHAT THE FUCK? Ließ Edward Cullen hier gerade irgendwie irgendwas, das verdächtig nach Charme und Flirten aussah spielen?
Jetzt, wo er merkte, dass er mit der Wut-Tour nicht weiter kam.
«Ach, und der große Edward Cullen macht das natürlich gaaaannnzzz anders mit seinen Tussis!», erwiderte ich spöttisch und mein Blick heftete sich auf seine leicht feuchten Lippen. Fuck, warum sah dieser Typ auch so gut aus.
«Ich habe noch nie eine Frau verarscht!», knurrte er. «Ich bin ehrlich Bella. Sehr ehrlich.» Seine linke Hand stützte sich neben meinem Kopf ab.
«Was zur Hölle ist dein Problem, Cullen?», fragte ich heiser, mit halb geschlossenen Lidern. Bildete ich mir das ein, oder war die Stimmung eben gekippt? Gott, roch dieser Mann gut.
Edward spannte sich an und ballte die Hand neben meinem Kopf zur Faust.
«Himmel, er ist ein Arschloch, okay? Er hat meine Ex gefickt!», spie er mir leise entgegen.
«Oh...», murmelte ich und schubste Edward mit meinen beiden Händen von mir, um Abstand zu schaffen. Edward riss die Augen auf und betrachtete mich starr.
«Ich bin nicht dein Püppchen, das du an dem einen Tag hassen und am nächsten Tag benutzen kannst, damit du dich an irgendwelchen Bastarden rächen kannst, die irgendwann mal irgendeine deiner hundert Ex-Freundinnen gefickt haben», rief ich ärgerlich und drängte mich an ihm vorbei. Himmel, für was hielt dieser Mistkerl mich?
Wütend entfernte ich mich zwei Schritte, als ich erneut seine langen, schlanken Finger um mein Handgelenk spürte. Ich drehte den Kopf über meine Schulter.
«Fass.Mich-» Ruckartig wurde ich gegen die Wand gepresst und spürte seine Lippen auf meinem Mund.
OH. MEIN.GOTT.
Mein ganzer Körper lehnte steif an der kalten Steinmauer hinter mir. Mein Kopf war in den Nacken geworfen und leicht schief gelegt. Edward stützte seine beiden Unterarme an der Wand links und rechts neben meinem Kopf ab und presste seinen Körper so nah an mich, dass ich beinahe jeden einzelnen seiner Muskeln und die Wärme, die von ihm ausging, spüren konnte. Wie automatisch schlang ich meine Arme um seinen muskulösen Hals, – denn Himmel, ich stand ja schon immer auf ihn- und stellte mich auf die Zehenspitzen. Seine Lippen fühlten sich besser an, als ich es mir jemals erträumt hatte. Sie waren warm, weich und er küsste wie ein verdammter Gott.
Die Hand, in der ich nicht die Clutch hielt, wanderte in sein Haar und ich krallte mich leicht hinein, ließ es durch meine Finger gleiten. Er benutzte genau den richtigen Druck, um meine Lippen zu massieren und sein sinnlicher Mund öffnete und schloss sich immer wieder gegen meine Lippen. Ich machte mir keine Gedanken, warum er mich küsste, ich genoss es einfach nur. Sein heißer, abgehackter Atem brach sich an meiner Haut und er drückte seinen Körper noch ein wenig mehr gegen meinen. Hielt mich gefangen. Dann glitt seine rechte Hand in meinen Nacken und er massierte ihn leicht. Himmel, irgendwie war das hier... merkwürdig.
Ich spürte plötzlich seine weiche, warme Zunge, die sinnlich über meine Unterlippe streifte um sich dann in meinen Mund zu drängen. Mein Körper zitterte leicht und ich legte meine Arme kraftlos an seinen breiten Schultern ab.
Seine Zunge schnellte immer wieder hervor, um kurz mit meiner zu spielen und sich dann wieder zurück zu ziehen und seine Hand an meinem Nacken fuhr höher und krallte sich auf Höhe meines Hinterkopfes in mein Haar. Drückte mich fest und bestimmend an ihn. Ich keuchte leicht gegen seinen Mund, denn verdammte Scheiße, mir war so heiß, dass ich mich am liebsten ausgezogen hätte und ihn gleich mit.
Meine Beine fühlten sich wacklig an, denn der Kuss zog mir förmlich den Boden unter den Füßen weg. Hätte er mich nicht so bestimmt an die Wand gedrückt, wäre ich sicherlich weg gesackt. Erneut wanderte meine freie Hand in seinen Nacken und ich krallte meine Nägel leicht hinein. Seine Haut fühlte sich unglaublich weich unter meinen Fingerkuppen an.
Er löste sich für höchstens fünf Sekunden von meinen Lippen und starrte mir in die Augen. Er gab uns beiden diese kurze Zeit, damit wir wieder zu Atem kommen konnten. Jedoch dauerte es nicht lange, bis sein Kussmund wieder auf meinem lag. Ich hatte keine Ahnung, was wir hier taten, aber es fühlte ich verdammt nochmal gut an. Wie aus einem inneren Drang heraus, schlang ich mein linkes Bein um seine Hüften. Ich drückte ihn mit meiner Wade an seinem Arsch so eng es ging an mich und er kam mir bereitwillig entgegen. Ich schob nun meinerseits meine Zunge in seinen Mund und genoss dieses Rumknutschen einfach nur.
Seine Zunge stieß zwei – drei Mal gegen meine, ehe ich spürte, dass ich wirklich keine Luft mehr bekam. Meine Hände wanderten von seinen Schultern, über sein Schlüsselbein nur um ihn dann sanft aber bestimmt von mir zu drücken. Sobald unsere Lippen voneinander abließen, schnappten wir beide keuchend nach Luft und ich ließ mein Bein von seinen Hüften gleiten. Gerade, als ich es fallen lassen wollte, schnellte seine rechte Hand nach unten und hielt mich in der Kniekehle fest. Meine geschlossenen Lider hoben sich und ich blickte in seine funkelnd grünen Augen. In seinem Gesicht stand dasselbe fette Fragezeichen wie in meinem.
«Wieso....», murmelte ich und schüttelte leicht meinen Kopf.
«Scheiß egal, wieso.... tus einfach...», raunte er mir heiser zu und küsste mich erneut.
*
http://www.youtube.com/watch?v=t9u9mZz-o-g
(Bittersweet Symphony -The Verve)
Langsam ließ ich den Pinsel sinken und starrte auf die Leinwand vor mir. Nichts als schwarze Striche. Super Bella.
Langsam stand ich auf und ging in die Küche. Mittlerweile war es Samstagmittag, ich war seit zwei Stunden durch den Krach, den Edward im Wohnzimmer verursacht hatte, wach und versuchte seit geschlagenen dreißig Minuten meine Hausarbeit zu Ende zu bringen. Irgendwie schaffte ich es nicht.
Seufzend tapste ich barfüßig und in meinem viel zu großen Hemd, das ich von meinem Dad geklaut hatte, Richtung Küche und schüttelte dabei leicht den Kopf. Leicht stieß ich die angelehnte Türe mit dem Fuß auf und mein Blick fiel auf Edwards muskulösen Rücken, der mir zugewandt war. Er stand am Fenster und rauchte. Die kühle Winterluft vermischte sich mit dem Rauch und zog halbwegs in die Küche herein.
Ich seufzte leise und ging zum Kühlschrank, um frische Milch hinaus zu holen, auf der kein Post-It klebte. Verstohlen blickte ich noch einmal zu Edward ans Fenster, aber dieser machte sich nicht einmal die Mühe, sich umzudrehen. Wieder seufzend nahm ich mir eine Walt Disney Tasse aus dem Schrank. Himmel, der Kerl war echt komisch. Gestern Abend standen wir sicherlich noch eine gute halbe Stunde in dem Vorraum und knutschten einfach nur. Ich will auch gar nicht bestreiten, dass es mir gefallen hatte und ich will auch nicht bestreiten dass ich seit dem ersten Tag auf Edward Cullen stand, was wohl an seiner offensichtlichen Schönheit lag.
Doch auch wenn ich erwartet hatte, dass er sich nach dieser merkwürdigen Aktion gestern anders mir gegenüber verhielt, tat er es nicht. Es war, als wäre das gestern Abend nie passiert. Als wäre alles beim Alten. Als wären wir uns nicht verdammt nahe gekommen. Als hätte ich nicht seine warmen, weichen Lippen.... oh verdammt, ich sollte das lassen.
Wieder schüttelte ich leicht den Kopf und goss die Milch in die Tasse, um sie anschließend in die Mikrowelle zu stellen. Das Geräusch, das von dem Timer kam, erweckte offenbar seine Aufmerksamkeit, denn ich hörte kurz danach seine Stimme. «Räum auf, wenn du fertig bist», sagte er monoton. Ich drehte mich nicht zu ihm um und ich antwortete ihm auch nicht.
Es dauerte auch nicht lange, ehe ich das Schließen den Küchentüre hörte. Himmel, der Mann war mir ein Rätsel.
*
Samstagnachtmittag saßen Edward und ich im Wohnzimmer. Er auf der Couch, ich auf dem Sessel. Seit gestern, seit ich eine andere Seite an ihm gesehen hatte, hatte er mich neugierig gemacht.
Ich wollte wissen, warum er sich mir gegenüber SO verhielt. Was machte ich falsch? Und warum war ihm Ordnung so extrem wichtig? Ich hatte so viele Fragen ...
Mit einem lauten Seufzen, entschloss ich mich dazu, sie einfach auszusprechen, was wollte er mir schon Großartiges tun?!
«Lass mich dich was fragen», legte ich den Kopf schief. Edward seufzte und nahm seine Lesebrille ab. Dann benutzte er seine rechte Hand, um sich durch das Haar zu fahren. Für einen Moment analysierte ich die Farbe dieses Chaos'. Es war komisch .... faszinierend. Braun, mit einem leichten Rotstich. Man könnte sagen, bronzefarben.
«Was denn Bella?», zog er seine Braue in die Höhe und machte sich nicht die Mühe, seinen Ärger darüber, dass ich ihn beim Schreiben an seinem Laptop gestört hatte, zu verbergen. Mir war es egal, ich wollte meine Antworten. Vielleicht war ich manchmal egoistisch, aber waren wir das nicht alle? Ehrlich, ich persönlich kannte niemanden, der vollkommen selbstlos war. Ganz einfach.
«Warum räumst du jeden Morgen die Küche so extrem auf?», fragte ich dann und winkelte meine Beine an.
«Man weiß nie, wie der Tag endet», antwortete er ohne großes Zögern. «Was, wenn etwas Gravierendes geschieht oder einem von uns was passiert.»
«Stimmt», nickte ich. «Natürlich – wenn uns was passiert, ist es natürlich sehr wichtig, dass die Wohnung sauber ist. Sehr wichtig», erwiderte ich sarkastisch. Edward verzog keine Miene.
«Ich bin nicht davon ausgegangen, dass du es verstehen würdest», sagte er und widmete sich wieder seinem Notebook auf dem Schoß. Ich seufzte genervt.
«Sonst noch irgendwelche Lebensweisheiten, Mister Cullen, der ja ach so perfekt ist?»
«Ja, da gibt es tatsächlich noch was», sagte er und hob den Blick, um mich anzusehen. «Wenn du keine Ahnung hast, dann halt einfach die Klappe.» Und damit widmete er sich wieder seinem Getippe, aber nicht, bevor er seine Brille wieder auf die Nase gesetzt hatte.
«Warum hasst du mich so?», entfuhr es mir prompt und am liebsten hätte ich mir auf die Zunge gebissen. Verdammt, das war doch lächerlich, oder?
Edward zog erneut seine Braue in die Höhe und ich konnte mir nicht helfen, als seine Augen mich quasi gefangen hielten. Sie waren so tief und so grün. Beinahe funkelnd, wie zwei Smaragde.
«Wo fang ich an, wo höre ich auf», murmelte er wohl mehr zu sich selbst. Wütend verschränkte ich die Arme vor der Brust und kräuselte meine Zehen. Innerlich zählte ich bis zehn. Es war unglaublich, wie schnell er meine Wut hinauf beschwören konnte.
«Eigentlich ist es irrelevant», sagte er schließlich. «Du würdest es nicht verstehen.»
«Ich bin nicht dumm, Edward!», fuhr ich ihn an. «Bitte, sag mir warum du mich hasst», schnaubte ich und machte eine ausladende Handbewegung.
Erneut nahm er mit einem tiefen Seufzer die Brille ab und kniff sich in den Nasenrücken, nur um sich dann die linke Schläfe zu massieren. Seine gebräunte Stirn lag in tiefen Falten.
«Du wirst mich nicht unterbrechen», stellte er dann mit einem warnenden Blick klar. Ein erneutes Schnauben entrang sich meiner Kehle, doch ich erwiderte nichts.
«Es geht damit los, dass du Kunst studierst. Wie viele Menschen würden alles dafür geben, an der Columbia zu studieren? Und DU, die die Möglichkeit dazu hat, entscheidet sich für Kunst. Was wird dir das bringen? Meinst du wirklich, du wirst zum nächsten Picasso, Isabella? Meinst du deine naiven, kindlichen Träume bringen dich in irgendeiner Art und Weise weiter im Leben?» Es war eine rhetorische Frage, doch mein Mund öffnete sich von allein, um ihm eine Antwort entgegen zu pfeffern. Was hatte dieser Mistkerl für ein Problem?
«Unterbrich mich nicht», wiederholte er ruhig und ich schlug laut die Zähne aufeinander und knirschte mit ihnen. Mein Atem ging schneller, denn ich fühlte mich angegriffen, was er wohl auch beabsichtigt hatte.
«Des Weiteren komm' ich mit deinem chaotischen Leben nicht klar. Nichts ist klar gestrickt, absolut nichts. Du lebst in Unordnung und das Schlimme ist, dass du dich darin auch noch wohl fühlst. Hast du auch nur die leiseste Ahnung, was dieser Dreck alles verursachen kann?» An seiner Tonlage, die immer kühler wurde, konnte ich erkennen, dass hinter seinen Worten weitaus mehr steckte.
«Was meinst du? Dass Kakerlaken in meinem Zimmer rum krabbeln? Es ist ja nicht so, dass ich wirklichen Dreck darin hab – nur Unordnung!», verteidigte ich mich. Edward lachte trocken auf und blickte aus dem Fenster. Es schien so, als wäre er blitzartig in eine andere Welt gezogen worden – vielleicht in die Vergangenheit- so abwesend wie er war. Er starrte einen Moment unbewegt – ohne zu blinzeln- hinaus, ehe er tief seufzte, die Augen einen Moment qualvoll schloss und zusammenpresste und sich dann wieder mit zu wandte.
«Das ist es nicht, was ich meine, aber früher oder später wirst du es verstehen. Du hast überhaupt keine Ahnung, Bella, was das alles anrichten kann.» Und damit klappte er seinen Laptop zu und erhob sich.
«Äußere Ordnung ist oft nur der verzweifelte Versuch, mit einer großen inneren Unordnung fertig zu werden», schoss das Zitat von Albert Campus aus mir heraus.
Poesie, Bücher, Zitate, waren neben Kunst ein weiteres großes Hobby von mir.
Als Edward verwundert den Kopf über die Schulter drehte, blickte ich ihn herausfordernd an. «Wie gesagt – ich bin nicht dumm», setzte ich nach. Edward lachte hart und kurz auf ehe er den Kopf schüttelte.
«Aufgabe von Kunst heute ist es, Chaos in die Ordnung zu bringen – Theodor W. Adorno.»
Als er mit diesem ach-so-tollen Spruch abzischen wollte, klingelte plötzlich laut sein Handy.
Er stöhnte auf und zog es aus seiner Hosentasche. Bevor er ran ging, sah er auf das Display und rollte genervt die Augen.
«Hallo Dad», meinte er dann hart. Sogar ich zuckte bei seinem Tonfall zurück. Edward warf mir erneut einen kurzen Blick zu, ehe er ein «Mh ja ..» in den Hörer murmelte und wieder in Richtung seines Zimmers lief.
Dieser Mann war doch wirklich ein Mysterium für sich. Ich schüttelte meinen Kopf und schaltete den Fernseher ein. Als ich durch die Kanäle zappte, stellte ich mit einem erfreuten Jauchzen fest, dass gerade Lipstick Jungle lief und erhöhte die Lautstärke ein wenig, legte mich seitlich auf die Couch und vertiefte mich in das Geschehen im Fernseher, bis … bis plötzlich laut etwas zu Bruch ging und keine Minute später unglaublich laute Musik – Heavy Metal -aus Edwards Zimmer dröhnte.
Ein leises Stimmchen in meinem Kopf murmelte mir zu, dass ich mich JETZT besser nicht beschweren sollte.
*
Linkin Park hallte aus meinem Laptop – was Edwards Musik, die immer noch die Wohnung durchflutete, leider nicht übertönte -, während ich weitere große, weiße Kreise auf die beiden schwarzen Seiten meiner Tapete klebte.
Ich wurde das Gefühl nicht los, dass Edward wütend war. Ein leises Kichern verließ meine Lippen. Na, wie komm ich denn DARAUF, huh? Edward und wütend.
Ja, er war sehr temperamentvoll. Dieses gut aussehende, geheimnisvolle merkwürdige Arschloch. Ich kicherte ein wenig lauter und schüttelte leicht meinen Kopf, als ich mich auf die Zehenspitzen stellte, um an eine obere Ecke meines Zimmers ranzukommen. Nebenbei griff ich mit der anderen Hand nach der kleinen Kirschsaftpackung auf meinem Nachtschränkchen und nahm einen großen Schluck zu mir. Gott, wie ich dieses Zeug liebte.
Nachdem ich die packung wieder abgestellt hatte, trat ich einen Schritt zurück und betrachtete zufrieden mein Endergebnis. Na also … jetzt sah es nicht mehr so deprimierend aus. Obwohl ich es ja vorher auch nicht schlecht fand …
Ich zuckte die Achseln und griff nach den Nägeln, die ich zuvor rausgesucht hatte, um mich dann auf das Bett zu stellen und eines davon mit dem Hammer in meiner anderen Hand in die Wand über meinem Bett zu hämmern.
Edward würde nicht meckern können – er mochte es nicht, wenn man Nägel irgendwo in Wände hämmerte -, da seine Musik zu laut war, um überhaupt mitzubekommen was ich hier überhaupt tat.
Ich summte leise zu Linkin Park mit und schnappte mir mein auf Leinwand gezogenes Marilyn Monroe Bild, um es dann genau dort aufzuhängen. Perfekt. DAS hier, das war MEINE Perfektion. Es sah toll aus und ich fühlte mich wohl.
Mit einem Seufzen ließ ich mich wieder auf mein Bett fallen und griff nach meinem Handy, auf dem Nachtschrank. Seit Edward den Anruf von seinem Dad – wie ich mitbekam – bekommen hatte, machte sich auch in mir ein Bedürfnis breit, mich endlich mal wieder bei meinen Eltern zu melden. Ich warf einen Blick auf die Uhr … es war mittlerweile später Abend.
Über mir hörte ich lautes Trampeln und rollte kurz die Augen. Das konnte nur Emmett sein.
Schnell ging ich mein Telefonbuch durch, bis zu meiner Mum und drückte den grünen Knopf. Es dauerte gefühlte zehn Stunden, bis sie abnahm.
«Swan?»
«Hey Mum», begrüßte ich sie fröhlich.
«Hey meine Hübsche .. na, wie läuft s bei dir?», wollte sie wissen. Im Hintergrund hörte man Geschirr klappern.
«Gut.. mir geht’s gut, es läuft gut … hab mich einigermaßen eingelebt», erzählte ich drauf los und meine Mutter seufzte laut.
«Das freut mich, meine Kleine», meinte sie.
«Und wie geht’s euch?», erkundigte ich mich und schwang mich vom Bett, um mir eine Zigarette von meinem Schreibtisch zu nehmen. Sobald ich sie angemacht hatte, setzte ich mich mit meinem kleinen Aschenbecher wieder auf das Bett.
«Uns geht’s auch gut», sagte meine Mum. «Dein Vater arbeitet viel … aber mir geht’s nicht anders. Hab ne Meng Überstunden.»
«Mhmh», machte ich und wollte gerade weiter reden, als ein lautes «BELLA!», durch die Wohnuung hallte. Oh … oh … das verhieß nichts Gutes.
«Hey Mum, kann ich dich morgen nochmal anrufen?», wollte ich leicht gehetzt und panisch von ihr wissen. Ah .. was hatte ich jetzt wieder gemacht, huh?
«Ja klar, Honey … alles in Ordnung?», fragte sie skeptisch nach.
«Ja .. ja, alles gut, mir ist nur eingefallen, dass ich noch was für die Uni zu erledigen hab», log ich drauf los.
«In Ordnung. Meld dich dann ja? Ich hab dich lieb.»
«Ja ich dich auch», erwiderte ich und legte schnell auf. Ich stand auf und zog abermals an meiner Zigarette, ehe ich sie wieder ausdrückte und langsam zu meiner Tür lief.
Als ich sie mit etwas zittriger Hand öffnete, stand ein bebender Edward schon vor mir und blickte mich mit verengten Augen an.
«Was?», murmelte ich misstrauisch. Er hielt mir plötzlich eine Gabel vor das Gesicht und ich runzelte die Stirn. «Das ist eine Gabel, ja … und jetzt?»
Er schnaubte. «Schonmal was davon gehört, dass man KAFFEE mit LÖFFELN umrührt, Isabella?!», knurrte er mich an und ich musste das aufkommende Lachen unterdrücken.
Ich hatte vorhin keinen Kaffeelöffel gefunden und somit also eine Gabel verwendet. Oh Gott, wie schlimm.
«Mh, ich dachte immer, man macht das mit Gabeln», murmelte ich. «Tut mir leid, allwissender Edward.» Ich grinste ihn leicht an und er schnaubte wieder.
«Was zum Teufel ist so schwer daran, sich an so einfach Regeln zu halten?!», zischte er mir entgegen.
«Nichts», zuckte ich die Achseln. «Warum fragst du?» Ich meine .. Provokation musste sein. Sorry.
«Du bist so … Himmel, ist es so schwer, einfach mal keinen Dreck zu machen? Warum zur Hölle bist du so? Und was machst du den ganzen Tag in deinem Zimmer?!»
«Nein, es ist nicht schwer Dreck zu machen … und was ich in meinem Zimmer mache … Ach, ich backe Brötchen, prostituiere mich .. du weißt ja, was man halt so in seinem Zimmer tut», warf ich ihm sarkastisch entgegen.
«Ich schwöre bei Gott, Bella...» Er verengte seine Augen zu Schlitzen – die sexy Brille immer noch an Ort und Stelle – und funkelte mich wütend an.
«Ja, wie auch immer», lächelte ich ihn an, ehe ich ihm die Tür vor der Nase zuknallte und sofort abschloss. Als ich sein Hämmern immer lauter vernahm, lachte ich laut auf und warf mich wieder auf mein Bett.
Ich beschloss, noch ein wenig zu lesen, bevor ich schlafen würde. Also griff ich nach Überredung, was auf meinem Nachtisch lag und las, glucksend und Edward ignorierend, in aller Ruhe weiter …
Mitten in der Nacht erwachte ich mit einem unglaublichen Durst. Müde rappelte ich mich auf und rieb mir im Gehen gähnend über die Augen.
Wieso war ich eigentlich nicht einkaufen gegangen? Ich hatte seit Tagen ein kleines Cola-Männchen in meinem Kopf, das unbedingt danach verlange, das süße Zeug durch meinen Körper zu spülen.
Wie ein Einbrecher, huschte ich durch die dunkle Wohnung und war froh, dass Mister Pingelig eben genau das war PINGELIG. Dass er die Möbel NIE umstellte und dass es immer aufgeräumt war.
So konnte ich locker mit meinen nackten Füßen durch die Wohnung tapsen, ohne mich zu stoßen, oder Sonstiges. Sieben Schritte noch nach rechts, dann war ich am Türstock… und dann zwei geradeaus.
Eine halbe Drehung und fünf Schritte nach links und ich würde vor dem Kühlschrank stehen. Langsam streckte ich meine kalten Finger aus und grinste dümmlich in der Dunkelheit vor mich hin, als ich die glatte Oberfläche spürte.
«Ohhh ja.. Milch aus der Tüte», murmelte ich vor mich hin und öffnete den Schrank. Ich war kurz von dem grellen, gelben Innenlicht geblendet und zwinkerte ein paar Mal schnell nacheinander.
Die Kühle schlug mir ins Gesicht und eine Gänsehaut zog sich über meine Arme.
Irgendwie.. der Kühlschrank war gut gefüllt und das, obwohl Jasper nicht da war und ich selbst nicht beim Einkaufen gewesen war. Aber Himmel, was war das? Eine ganze Post-it Invasion oder wie? Sie grinsten mich spöttisch an, lachten mich aus und verhöhnten mich. Edward. Edward. Edward. Edward…, sprang es mir entgegen und ich schüttelte belustigt den Kopf. Der Typ war sooo krank. Der war irre. Ehrlich, ich schwöre es euch. Normal ist etwas anderes. Vor allem, konnte es gar nicht gesund sein, seinen eigenen Namen so oft zu schreiben. Das war doch.. mh… na gut, wenn man Unterschriften übte, weil man hoffte, dass irgendwann sein Traummann kam, der einen heiraten wollte, dann wurde das anders bewertet, als wenn jemand im Kühlschrank seinen Joghurt und seine Milch und was sonst noch alles mit Post-It´s beklebte. Gott. Fehlte nur noch, dass er die Fächer im Kühlschrank einteilte.
Ich kicherte dümmlich vor mich hin und beugte mich nach unten. Sooo Milch wooo bist du… rief ich in Gedanken immer und immer wieder.. War ich blind oder so? Na ja.. aber wie sollte man die Lebensmittel auch erkennen, wenn sie unter einer Decke von gelben Post-It´s begraben waren? Ich ließ meinen Blick über Jaspers Lieblingsschokolade gleiten. Es war massig davon da, und sie musste eisgekühlt sein, wenn man seinem überaus kompetenten und fachmännischem Gerede glauben konnte. Ich kicherte wieder dümmlich vor mich hin. Okay.. es schien wohl einfach keine Milch zu geben in diesem Ding hier. Unfassbar, so einen großen Kühlschrank und so einen zuverlässigen peniblen Mitbewohner zu haben und nun war keine Milch im Haus.
Innerlich verdrehte ich die Augen und grinste dann erneut, als ich eine Flasche mit Orangensaft entdeckte.
Natürlich klebte ein Post-It mit dem Namen Edward darauf aber ich kicherte nur noch mehr und nahm die Flasche in die Hand.
«Okay Edward, wir spielen ein Spiel. Wenn du NICHTS sagst, dann heißt es
Die Antwort blieb natürlich aus.
«Gut, du hast die Regeln also verstanden», murmelte ich weiter und drehte die Flasche in meiner Hand hin und her.
«Also Edward, darf ich von deinem Saft trinken? Aus der Flasche? So viel ich kann?», gluckste ich leise vor mich hin.
Wieder keine Antwort. Wie auch, er war ja nicht da, aber hey, wenn er das Spiel nicht kannte, dann gut. Keine Antwort hieß
«Ohh, das ist wirklich, wirklich nett von dir. Ich weiß, dass du mich eigentlich total gerne hast, aber es eben nicht so zeigen kannst. Widersprich mir, wenn ich falsch liegen sollte.»
Ich drehte den Verschluss der Flasche auf und setzte sie an meine Lippen an.
Frischer Orangensaft strömte in meinen Mund und gierig stillte ich meinen Durst damit. Das war wirklich toll gerade.
Ungefähr fünfzehn Sekunden lang, dann ging das Licht an.
«Bella? Was zur Hölle tust du da?», fragte mich die Stimme, mit der ich eben noch das tolle - sagst du nichts, heißt es ja – Spiel gespielt hatte.
Damn. Ich hatte vergessen, dass er nachts so gut wie nie schlief.
«Ich trinke Saft, Edward. Oder was denkst du, was ich hier mache? Dir heimlich in die Flasche spucken?», fragte ich nach und lehnte mich gegen den Kühlschrank, nachdem ich ihn geschlossen hatte.
«Ich gehe davon aus, dass selbst eine unterbelichtete Frau wie du es bist – schließlich studierst du ja NUR Kunst-, in der Lage ist, zu lesen und auf dem kleinen gelben Zettelchen steht nicht dein Name!», keifte er mich an und ich schluckte schwer. Da war es wieder. Er hielt mich für ein Nichts, weil ich meiner großen, großen Leidenschaft nachging. Der Kunst.
«Was glaubst du, wer du eigentlich bist? Mister Ordnung? Was glaubst du? Keine Sorge, ich fülle dir deine verfickte Flasche morgen auf. Weißt du was, ich kauf dir gleich zwei und damit du in Ruhe schlafen kannst, ohne einen Nervenzusammenbruch zu bekommen, bin ich so nett und beschrifte sie sogar.» Unbewusst war ich ihm immer näher gekommen, wie ich eben feststellte. Ich hatte die Flasche Saft in der einen Hand und mit der anderen tippte ich ihm auf die nackte Brust. Himmel, konnte der Mann sich hier nicht im Pyjama bewegen? Musste er mit dieser blau-weiß gestreiften, dünnen, extrem hüftigen Schlafanzughose rum laufen? Er trug keine Socken, sondern hatte nackte Füße, wie ich und auch seine Brust war nackt. Auch, wenn er ein verdammtes Arschloch war, sein Körper – solange man den Charakter eben weg ließ- war toll. Ehrlich toll. Aber gut.
Zurück zum Thema, Swan!
«Du gehst mir so dermaßen auf die Nerven mit deiner Ich-muss-alles-unter-Kontrolle-haben-Art, das kann ich dir nicht sagen, aber weißt du was? Wieso warst du dann so bescheuert und hast dir Mitbewohner gesucht?», keifte ich ihn an. Himmel, jetzt war ich aber in Fahrt.
«Jazz ist auch vollkommen in Ordnung», verteidigte er sich und ich trat automatisch einen Schritt zurück. Langsam drehte ich den Deckel wieder auf die Flasche und stellte sie auf die Anrichte der Küche. Der perfekt sauberen Küche. Mit Sicherheit würde er gleich einen Anfall bekommen, weil das beschlagene Glas sich von den Wasserperlen trennte und dann einen Wasserring auf der Arbeitsfläche hinterließ. Es war mir egal. Ehrlich egal.
«Cullen, geh deine Schlampen ficken und lass mich einfach in Ruhe, okay?», sagte ich leise, ehe ich an ihm vorbei ging und mich wieder in mein Zimmer vergrub.
Ich legte mich in mein Bett und schaltete die Nachttischlampe an. Hier war alles nicht so ordentlich wie der Rest der Wohnung. Hier war es nicht penibel sauber und wenn hier jemand reinkam und nur einen Millimeter einen der hunderttausend Bilderrahmen bewegte, fiel es mir nicht auf und ich war auch nicht besessen davon, den Rahmen wieder akribisch genau zurück zu drehen. Ich konnte damit leben, wenn Kleidung auf meinem Boden rum lag und nicht wie mit dem Meterstab abgemessen in meinem Schrank hing.
Ich wusste gar nicht, ob es bei Edward so war, da ich noch niemals in seinem Zimmer gewesen war, aber ich konnte es mir vorstellen. Schocken würde mich im Bezug auf diesen Kerl gar nichts mehr. Die Frage, die sich mir nur stellte war : er versuchte in allem perfekt zu sein. Halt ich korrigiere, er WAR in allem perfekt, nur eine Beziehung schien er nicht führen zu können. Was sollte es sonst für einen Grund geben, dass von sieben Nächten die Woche manchmal 3 verschiedene Frauen hier waren? Ich hatte keine Ahnung und ehrlich gesagt war ich jetzt im Moment, nicht mal mehr wütend auf ihn. Es war jetzt anders, als noch gestern am Nachmittag, als Rose da war und wir ihn angestichelt hatten, es war auch anders, als das Wortgefecht, das wir hatten, bevor wir weggingen… es war.. ehrlich gesagt tat Edward Cullen mir weh, weil er mich für einen NICHT gleichwertigen Menschen hielt. Selbst nach dem Kuss. Selbst nach unserer Nähe. Er sprach es nicht aus, wahrscheinlich aus Höflichkeit oder guter Erziehung, aber ich sah es. Jeden Tag. In seinen Augen.
**
Das Telefon klingelte. Es war unser WG-Festnetz Telefon. Edward sah kurz von seiner Financial-Times auf und zog eine Braue in die Höhe.
Wir starrten uns einen Moment an. Seit letzter Nacht und diesem Kleinen Orangensaft-Dilemma hatten wir kein Wort mehr miteinander gesprochen.
Gleichzeitig sprangen wir dann von unseren Stühlen auf und hasteten nach draußen ins Wohnzimmer.
Da Edward näher an der Türe saß, hatte er einen Schritt Vorsprung. Er zog das Telefon aus der Station und grinste mich triumphierend an.
«In was bist du eigentlich gut, Bella?», murmelte er und drückte auf den grünen Knopf.
«Du kannst mich mal!», antwortete ich ihm mit verengten Augen.
«Cullen?», fragte Edward laut und hielt gleich danach den Sprecher mit seiner Hand zu. «Du kannst nicht gegen mich gewinnen.»
Ich hob meine rechte Hand und zeigte ihm den Mittelfinger. «Fick dich, Edward Cullen!», murmelte ich und er rollte mit den Augen. Dann wandte er sich wieder dem Telefonhörer zu.
«Ja, ich bin dran, Jazz», sprach er in den Lautsprecher. Er warf mir einen kurzen Seitenblick zu und ging zwei Schritte zurück, als hätte er Angst, dass ich ihm den Hörer aus der Hand reißen würde. Gott, ich war so wütend auf ihn. Nach der ganzen Aktion, wie er mich behandelte und was er sich leistete.
Er gluckste, als ich meine Hand nach dem Telefonhörer ausstreckte und da ich es mir nun wirklich nicht gefallen ließ, dass er mich auslachte, holte ich mit meinem Bein weit aus und trat ihm gegen das Schienbein.
«Ahhh.. Fuck», zischte er und ich lächelte zufrieden. Na also, wäre doch gelacht.
Edward ließ sich auch den Sessel fallen und zog sein Bein an. Seine Hand legte sich auch die Stelle, an der ich ihn getroffen hatte. Ich grinste, während er wütend zu mir hinauf stierte.
«Du bist doch bescheuert», keifte er mich an und fuhr sich immer wieder über die Stelle. «Nein man», murmelte er in den Hörer «Sie hat mich verdammt nochmal getreten!», erklärte er Jazz am Telefon.
«Jazz, halt verdammt nochmal die Klappe!» Ich blickte Edward genauso stur in die Augen, wie er mir und streckte die Hand aus.
«Gibt mir den Hörer, Edward», murmelte ich. Er murmelte etwas von «...krank im Kopf» und gab mir dann den weißen Telefonhörer.
«Warum nicht gleich so?», rollte ich die Augen und schnappte mit das Telefon, nur um dann durch den Flur zu laufen.
«HIIIII Jaaaazzzz!», rief ich enthusiastisch und ging weiterhin in Richtung meines Zimmers. Ich erntete ein Lachen vom anderen Ende der Leitung und musste unwillkürlich lächeln.
«Er hatte es verdient», war mein Kommentar dazu.
«Klar, wie immer», entgegnete Jasper, immer noch hörbar amüsiert.
Als ich gerade meine Zimmertüre erreichte, spürte ich mal wieder, eine Hand an meinem Arm. Ich drehte den Kopf über meine Schulter und blickte in Edwards wütendes Gesicht.
«Das wird Konsequenzen haben, Liebchen», zischte er mir zu, ehe er von mir abließ und in sein eigenes Zimmer ging. Jedoch betrat er es so, dass man mal wieder nicht hinein sehen konnte. #
Ich rollte lediglich die Augen, ging in mein eigenes Zimmer und ignorierte seine merkwürdige Drohnung.
«Also Jazz, erzähl! Wie ist es bei euch?», fragte ich nach und ließ mich auf mein Bett fallen.
*
Sonntag.
Sonntagabend.
Sonntagabend nach einem Tag voller Anzicken.
Himmel, ich wusste ja, dass Frauen zickig waren, meistens dann, wenn sie unter PMS litten, aber was zur Hölle hatte dann dieser verdrehte Typ von Mitbewohner? Er war doch nicht mehr ganz dicht. Ständig hatte er mich heute schwach angeredet. Sei es der Teller, die Schale, der Wasserfleck, ein Staubfussel, oder ein Krümel. Mein Freitagabend knutsch-Erlebnis wurde verdrängt und an dessen Stelle kam einfach nur noch unglaubliche Wut und unglaublicher Hass. Es konnte nicht angehen, dass dieser Typ sämtliche Menschen – nein eigentlich nur mich- wie einen Deppen behandelte. Aber warte nur ab Cullen, ich zieh dir den Schuh schon so an, dass er passt.
Ich lehnte in meiner Cremefarbenen Long-Bluse an der Küchentheke und trank von meinem Kaffee. Meine Augen hafteten auf dem Mann, der mir gegenüber an unserem Küchentisch saß.
Sein Notebook war vor ihm aufgeklappt und anstatt in den Bildschirm zu schauen, starrte er mich an. Ebenfalls, so wie ich ihn. Und aus irgendeinem Scheiß Grund – den ich momentan nicht finden konnte- in meinem Scheiß Verstand – den ich ebenfalls wohl gerade auf Standby hatte- konnte ich meinen Blick nicht abwenden. Seine grünen, tiefen Augen hielten mich gefangen und verzauberten mich. Wie ein unausgesprochener Fluch.
Ha! Fluch traf es eher, als verzaubern.
Wir starrten uns also gegenseitig an und niemand war gewillt, den Blick zu abzuwenden. Sprechen würde ich nicht. Nein. Ganz sicher nicht. Nicht, nachdem er heute SO zu mir war.
Ich konnte immer noch nicht glauben, was das am Freitagabend war. Ein Sinneswandel sondergleichen. Ich hatte auch über Schizophrenie nachgedacht, oder über einen Zwilling, aber nein. DAS konnte nun wirklich nicht sein.
Am wahrscheinlichsten war meine Theorie – hey, ich war auch nur eine Frau!-, dass er einfach unglaublich betrunken war. Wie auch immer. Es pisste mich an, dass er mich so leidenschaftlich und unglaublich geküsst hatte, dass er an diesem Abend ein Anderer war und jetzt wieder Mister Pingelig in Menschengestalt.
Ich weigerte mich, den Blickkontakt zu brechen. Diesen kleinen Machtkampf zwischen uns, würde ich nicht verlieren.
Auch als er sich erhob – Himmel, zur Hölle, warum erhob er sich?- nahm ich meine Augen nicht von ihm.
Er starrte mich direkt an, als er mit langsamen, geschmeidigen Schritten in meine Richtung kam. Ich schluckte hart und stellte langsam die Kaffeetasse neben mir auf der Anrichte ab. Himmel, ich hatte keine Ahnung, was er jetzt schon wieder vor hatte. Aber ich würde mich sicherlich nicht vom Fleck bewegen. Komme was da wolle.
Meine Hände klammerten sich fest an die Theke hinter mir und ich spürte, wie mein Körper sich anspannte. Mit weiteren, eleganten Schritten überbrückte er den letzten Abstand zwischen uns, seine Augen immer noch auf meine gerichtet. Wie in Zeitlupe beobachtete ich aus dem Augenwinkel, wie seine linke Hand sich hob und er langsam hinter mich an den Schrank griff.
Unsere beiden Körper berührten sich beinahe und ich konnte seinen Atem in meinem Gesicht spüren. Er zog mich an, wie ein Magnet und ich konnte nichts dagegen tun.
Weiterhin starrten wir uns die Augen. Scheiße, wenn er jetzt nicht sofort zurück gehen würde...
«Fuck off», murmelte er und schon wieder, zu schnell, zu ruckartig um es überhaupt zu begreifen, krachten unsere Lippen aufeinander.
Vielleicht wäre es wirklich besser gewesen, wenn ich es gelassen hätte, aber ich konnte nicht, denn seine Küsse fühlten sich einfach zu gut an. Während sein Mund sich leidenschaftlich und fieberhaft auf meinem bewegte und er immer wieder irgendwelche Flüche vor sich hin murmelte, hob er mich mit seinen Händen auf die Anrichte und ich schlang bereitwillig meine Beine um seine Hüften. Dasselbe Feuer wie am Freitag wurde in mir entfacht und erneut spürte ich, wie mein ganzer Körper zu zittern begann.
Edward fluchte schon wieder gegen meine Lippen, jedoch konnte ich spüren, dass er lächelte. Meine Hände gruben sich automatisch in seine Haare und ich drängte mich ihm fordernd entgegen.
Das hier, das war all den Zickenkrieg wert.
Als seine Hände gerade über meine Oberschenkel streiften und unter meine Bluse gleiten wollten, hörten wir, wie die Haustüre laut ins Schloss fiel und zuckten beide zur selben Zeit zusammen.
Unsere Köpfe ruckten zur Küchentüre und dann drang auch schon die vertraute Stimme zu uns durch.
«Lebt ihr noch?», rief Jazz durch die Wohnung. Edward murmelte nur ein «..verdammte Scheiße» und ließ schwer atmend von mir ab.
Er ging auf die Küchentüre zu und drehte den Kopf noch einmal über die Schulter.
«Was auch immer das zwischen uns ist, Bella, es bleibt unter uns.»
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