«Oh ja ... ja .... machs mir fester, Edward. Gott ... jaahhh ...»
Schnaubend zog ich mir das Kissen über den Kopf und drückte es fest auf meine Ohren. Wie lange konnte dieser Mann eigentlich?!
Ich lag jetzt bestimmt schon seit knappen zwei Stunden im Bett und durfte mir anhören, wie Mister Sexy diese Tussi bewusstlos vögelte.
Boom.
Boom.
Boom.
«Härter..»
Gott, wie hart wollte sie es denn noch?! Die musste doch sicherlich schon wund sein, oder nicht?!
«Verfluchte Scheiße», murmelte ich und strampelte die Decke von meinem Körper, um langsam aus dem Bett zu steigen. Müde fuhr ich mir durch das Haar und gähnte ausgiebig.
Verdammt, ich hatte morgen früh um 8 Uhr eine Vorlesung, aber das schien IHN ja nicht zu interessieren. Oder vielleicht machte er es gerade weil er wusste, dass ich eine Vorlesung hatte.
Scheißkerl. Warum wohnte ich nochmal mit ihm zusammen?! Ach ja, das gute Geld. Obwohl er sich ja was Eigenes hätte leisten können, wenn er nicht so ein Arschloch wäre. Seine Eltern hatten ihm das Geld gestrichen und so musste Mister-fuck-me-hard jetzt in einer WG wohnen, bis er sein Verhalten besserte. Erst dann, sponserten ihn seine Eltern wieder.
Genervt seufzend, stand ich nun auf und schlenderte leise durch mein Zimmer, öffnete die Türe und betrat den Flur.
Boom. Boom. Boom ........
«Ja...ja... ja ... jaaaa..... JAA!»
Stille.
Halleluja, die Gute war offenbar gerade gekommen. Zum vierten Mal. Ich runzelte verärgert die Stirn und lief in meinem viel zu großen Shirt und der Boxershort, die ich mir zu Schlafen gekauft hatte, in die Küche.
Mit meiner Hand tastete ich nach dem Lichtschalter und als ich ihn fand, erschrak ich beinahe zu Tode, als ich Jasper auf der Anrichte sitzen sah. Er hatte die Beine angewinkelt, trug eine Flanellhose und hielt eine Zigarette in der Hand. Seine Haare waren ein einziges Chaos.
«Auch eine?», fragte er mich und deutete auf das Marlboro-Softpack auf dem Tresen. Ich nickte, setzte mich neben ihn und nahm mir eine Kippe.
Jasper hielt mir das Feuerzeug unter die Nase und ich genoss den ersten, tiefen Zug, den ich nahm.
«Edward?», fragte er mich dann.
«Yeah. Wie viele schlaflose Nächte hab ich schon wegen ihm hinter mir?», wollte ich wütend wissen.
Jasper lachte leise und zuckte die Achseln. «Immerhin bist du die einzige Frau, die wegen Edward Cullen nicht schlafen kann und das, ohne von ihm berührt zu werden.» Das sollte mich jetzt vielleicht mit Stolz erfüllen, aber das tat es nicht, denn ich war verflucht nochmal wirklich scharf auf ihn ... was ich ihm nie sagen würde, da wir beide uns hassten.
Diese Antipathie bestand seit dem ersten Tag, an dem ich diese Wohnung betreten hatte.
Edward, Jasper und ich studierten hier in New York. Mein Studium hatte gerade erst begonnen ... ich war 19 Jahre alt und hatte es mit einem Stipendium an die Uni geschafft.
Natürlich hatte ich auch eine Unterkunft gebraucht und nach einer WG gesucht, da ich mir eine eigene Wohnung leider nicht leisten konnte. Meine Eltern waren nicht so wohlhabend, wie manch andere. Es reichte,für ein schönes Leben, aber eben nicht für ein Exklusives. Mein Vater war Kleinstadt-Cop und meine Mum verdiente ihr Geld als Lehrerin ...
Tja und dann entdeckte ich eben die Anzeige am schwarzen Brett im College – Zimmer zu vermieten. Wir studierten alle an der Columbia University, in Manhattan, das Apartment befand sich allerdings auf der anderen Seite – Brooklyn. Um mir dieses Zimmer leisten zu können, jobbte ich nebenbei bei Wallmarkt – Regale einräumen. Aber besser als gar nichts, oder?
Jasper hatte ich vom ersten Moment an ins Herz geschlossen. Er war der typische, verruchte, lässige Musiker-Typ. Er machte sich keinen Stress, ließ jeden Tag auf sich zukommen und genoss jede Sekunde.
Edward Cullen hingegen, war mir sofort ein Dorn im Auge. Er war so was von arrogant und überheblich und das, obwohl er hier in einer verfluchten WG wohnte. Worauf bildete er sich was ein?!
Jasper hatte mir erklärt, dass Edwards Dad zu den angesehensten Chirurgen in Los Angeles gehörte. Von seiner Mutter wusste ich nichts, Jasper hatte mir nichts erzählt.
Die schwammen nur so im Geld. Aber na ja, Edward war ein auffälliger Junge. Er hatte sehr viel Scheiße gebaut und deswegen hatte sein Vater ihm, bevor er das Studium begann, das Geld gestrichen. Er wollte das durchziehen, bis die Uni beendet war. Cullen war mittlerweile 22 – drei Jahre älter als ich – und es dauerte nicht mehr lange, bis er es hinter sich hatte. Nebenbei jobbte er, um sich die Miete leisten zu können, in einer Bibliothek.
Was aber in absolutem Widerspruch zu dieser rebellischen Art stand, war, dass er der Perfektionist schlechthin war. Wenn er etwas tat, dann tat er es richtig. Wenn er etwas begann, beendete er es.
Er hasste es, wenn man Kaffeetassen ohne Untersetzer auf Tische stellte, oder wenn seine Hemden nicht gebügelt waren. Normalweise taten das Angestellte für ihn, aber jetzt musste er noch ein Jahr selbst damit auskommen. Und das gefiel ihm natürlich nicht.
Warum ich ihn nicht mochte? Eben genau wegen den oben genannten Gründen. Ich hatte keine Ahnung, was er gegen mich hatte, aber wann immer ich einen Raum betrat, verließ er diesen. Wenn ich etwas sagte, verdrehte er die Augen ... und, und, und.
Und trotz alldem, war er eine verdammte Versuchung. Schnell versuchte ich diese Gedanken zu verdrängen. Ich sollte nicht so über ihn denken!
«Wie viel Uhr haben wir?», lenkte ich vom Thema ab.
«Drei», seufzte Jasper. «Morgen 'ne Vorlesung?» Ich nickte müde und zog ein weiteres Mal an meiner Kippe.
«Um acht Uhr!», warf ich verärgert ein und zog die Brauen zusammen. Jasper lachte und wuschelte mir durch das Haar.
«Dann lass die Vorlesung doch einfach ausfallen!»
«Wegen DEM? Meinst du ich geb' ihm die Genugtuung?!», fragte ich ungläubig. «Kannst du haken. Das will er doch nur.»
«Ach komm, Bells. So schlimm ist er gar nicht. Wenn er nicht SO drauf ist, ist er echt in Ordnung», wandte er ein. «Er hat sie einfach noch nicht gefunden. Miss Perfect.» Ach ja. Beinahe hätte ich vergessen, wie gut die beiden miteinander befreundet waren.
«Das geht jetzt schon, seit ich hier wohne so, Jasper. Und das sind ganze, verdammte, drei Monate! Drei Monate tu' ich mir das an!»
«Bald hast du es hinter dir», zwinkerte er mir zu und drückte seine Zigarette aus.
«Baby?», durchbrach eine verschlafene, leise Stimme unsere Konversation. Jasper lächelte leicht und hob den Blick, als Alice mit einer, um ihren Körper geschlungenen Decke und verwuschelten, wilden Locken im Türdurchgang stand.
Ich seufzte – sie war die Freundin von Jasper und gleichzeitig unsere Nachbarin.
«Oh hey, Bella», gähnte sie.
«Hey Alice.» Ich seufzte tief und sie grinste schwach.
«Edward, mh?» Ich nickte bestätigend, woraufhin Alice leise kicherte. «Kommst du ins Bett, Schatz?», fragte sie an Jasper gewandt.
Dieser nickte und schwang sich von der Anrichte. «Versuch ein bisschen zu schlafen, Kleines», sagte er und küsste mich auf die Wange, ehe er Alice einen Arm um die Schultern schlang und sie in den Flur verschwanden.
Wieder seufzte ich verärgert und drückte meine eigene Zigarette aus, um dann den Kopf gegen die kühlen Fließen hinter mir zu lehnen.
Versuchen zu schlafen, das war leicht gesagt. Noch immer konnte ich die leise gemurmelten Worte von Cullen und seiner Tussi hören. Wahrscheinlich wieder ein gebrochenes Herz.
Ich hatte keine Ahnung,warum er das mit den Frauen machte. Ehrlich nicht. Aber was ich wusste war, dass ich ihn hasste.
Sein Leben ging mich nichts an, natürlich nicht, aber Himmel, konnte er nicht wenigstens Rücksicht nehmen?! Ich verlangte ja nicht, dass wir beste Freunde wurden, aber konnte er einen Menschen nicht schlafen lassen? Das war doch wirklich .... abnormal. So oft wie der Sex hatte ... ich konnte es nicht mehr zählen. Er hatte immer für ein paar Tage oder Wochen eine Frau an seiner Seite, doch er machte letztendlich doch wieder Schluss. Denn keine war perfekt genug. Keine war gut genug.
Ich für meinen Teil, gab mich mit dem zufrieden was ich hatte. Emmett, meinem besten Freund, der über uns wohnte und Rosalie, seine Freundin und gleichzeitig auch meine Freundin, die ebenfalls über uns wohnte – mit ihm zusammen. So hatten wir alle uns auch erst kennen gelernt. Rosalie mochte Edward genauso wenig wie ich. Emmett hingegen, war mit ihm befreundet, was ich gar nicht cool fand.
Aber na ja. Jedem das seine.
Das Dumme an Cullen war, dass er wirklich irgendwie makellos war. Seine Haare saßen in ihrem Sex-Look immer perfekt. Seine Figur war – wie ich bei einer Begegnung in der Küche feststellen dufte – Gott gleich. Er sah einfach nur perfekt aus. Außerdem war er gebildet. Aber das war nicht alles. Edward hatte eine wirklich krankhafte Affinität für Ordnung, das war mir sofort aufgefallen.
Als ich Jasper danach fragte, hatte er mir keine Antwort auf die Frage geben können. Aber es stimmte tatsächlich, er war krankhaft ordentlich.
Was ich auch von Jasper wusste war, dass Edward kein Arschloch war. Zumindest verteidigte er ihn in dieser Hinsicht immer. Er meinte, dass er niemals grundlos durch die Gegend vögeln würde, sondern dass er auf der Suche sei.
Whatever, alles was ich wirklich von ihm wusste war, dass er Dreck verabscheute, seine Hemden selbst bügelte, zu wenig schlief, zu viel rauchte und eine verdammt sexy Lesebrille hatte ... Nun ja, zumindest hatte er sie nur in der Uni an, woanders sah man ihn damit nicht.
Sein Zimmer durfte man nur auf seinen Wunsch hin betreten – demnach hatte ich es noch nie gesehen. Bevor er die Wohnung verließ, schloss er auch jedes Mal ab. Was verbarg der Master himself dahinter? Ich hatte keine Ahnung. Und was war sein wirkliches Problem? Auch darauf hatte ich keine Antwort.
Aber eine Sache wusste ich mit Sicherheit : ich wollte – verfluchte Scheiße noch eins – schlafen.
Gerade als ich mich von der Anrichte schwingen wollte, hörte ich Schritte und Gemurmel im Flur, dann die zufallende Haustüre und dann stand Edward im Türrahmen.
Er würdigte mich keines Blickes, als er sich den Aschenbecher neben mir nahm und ihn im Mülleimer leerte.
«Du sollst das Fenster aufmachen, wenn du rauchst», sagte er monoton. Ich betrachtete seinen nackten Oberkörper und die – gebügelt aussehende – Boxershort, die ihm auf den Hüften saß und ich runzelte die Stirn.
Meine Augen verfolgten seine Rückenmuskulatur, als er den Kühlschrank öffnete und sich dann leicht bückte, um nach der Wasserflasche rechts im Fach zu greifen – er hatte sie mit einem Post-It auf dem 'Edward' stand, markiert.
Sein knackiger Hintern sprang mir förmlich entgegen. Ich leckte mir über die Lippen. Er war so sexy. Sein ganzes selbstsicheres Auftreten war so sexy ... Nur leider war er einer der Menschen, die undurchschaubar waren und mein Temperament bis zum Zerreißen spannten. Ich war nie ein ruhiges Mädchen gewesen. Niemals. Ich war immer jemand, der seine Meinung offen sagte – ob sie den Leuten nun passte oder nicht. Und wenn mich jemand nachts nicht schlafen ließ und mich dann noch dumm von der Seite anmachte, weil ich ein verficktes Fenster nicht geöffnet hatte, dann konnte ich mich wirklich nicht mehr zurückhalten.
«Mach dein beschissenes Fenster doch selbst auf», fuhr ich ihn an und sprang von der Anrichte. Edward nahm sich unbeirrt ein Glas aus dem oberen Schrank und schenkte sich Wasser ein. Ich funkelte ihn wütend an, als er sich herumdrehte und an den Tresen lehnte. Schluck für Schluck, trank er sein Wasser und griff nach dem Softpack, um sich eine Kippe rauszuziehen.
«Warum bist du überhaupt noch wach?», fragte er mich nun. Es reizte mich so, dass er ruhig blieb. Warum ich wach war?! Warum zur Hölle ich wach war?!
«Blondi in deinem Zimmer war nicht sonderlich leise, weißt du?», schnaubte ich und strich mir das Haar zurück. Er zog lediglich eine Braue in die Höhe.
«Sie hat schwarzes Haar und heißt Patrisha, by the way», sagte er und zündete sich die Kippe an – in der anderen hand noch immer das Glas. «Nun, Bella, du weißt, dass ich die Nächte nicht zum Schlafen nutze.»
«Ja!», fuhr ich ihn an. «Aber weißt du es gibt durchaus Menschen, die nachts verdammt nochmal SCHLAFEN, Cullen! Menschen, die nicht 'auf der Suche' nach was auch immer sind. Und das auch noch mitten in der verfickten NACHT! Menschen, die was aus ihrem Leben machen und nicht -»
«Was aus deinem Leben machen?», unterbrach er mich spöttisch und nahm einen tiefen Zug seiner Kippe. «Was aus deinem Leben machen ... Mhmh ... Schwer, als lächerliche Kunststudentin.»
«Oh entschuldige, dass nicht JEDER Medizin studiert, um Chirurg zu werden und irgendwelchen Schlampen Silikon einzupflanzen... In LA!» Ich war so wütend. Er stellte sich IMMER über mich. Er meinte IMMER er sei was besseres als ich. Jasper studierte Musik – dazu sagte er nichts. Aber weil ich Kunst studierte, weil ich fasziniert davon war, stellte er mich hin, als hätte ich keine Lebensziele. Die hatte ich durchaus. Edward Cullen war widerlich und er lächzte nach Aufmerksamkeit. Das war schon immer so. IMMER musste er im Mittelpunkt stehen. Zwar kannte ich ihn erst ein paar Monate, aber das wusste ich durchaus. Jede Gelegenheit die sich ihm bot, nutzte er, um von allen angehimmelt zu werden. Als hätte er ADS. Was noch schlimmer an ihm war, war dieser unglaubliche Ehrgeiz. Es war nicht mehr normal – wirklich nicht.
Alles was er nicht konnte, lernte er. Und das nervte dermaßen. Ich sagte bereits – Zwangs-neurotisch. Diese Perfektion ging mir auf die Nerven.
«Oh ja, stimmt. Du bist der nächste Picasso, hab ich recht? Oder nein warte – Van Gogh, nicht wahr?», fragte er gespielt interessiert und drückte die Zigarette aus. Dann ging er zum Waschbecken, spülte sein Glas aus und trocknete es ab, ehe er es zurück in den Schrank stellte. Edward kippte das Fenster, leerte den Aschenbecher aus und ging an mir vorbei. Seufzend strich er imaginäre Krümel von der Anrichte, ehe er Richtung Flur ging.
«Wenn du was aus dir machen willst, dann arbeite verdammt nochmal dafür, Bella. Und setz' deine Erwartungen nicht zu hoch. Eine lächerliche Künstlerin wie du es bist, wird es nicht weit bringen. Du wirst wahrscheinlich diejenige sein, die mich nach Geld anbettelt in ... mhmh .. sagen wir zehn Jahren.» Er öffnete die Küchentür, drehte aber nochmals den Kopf über die Schulter.
«Mach das Licht aus und die Tür zu, bevor du schlafen gehst.»
Und alles was ich tun konnte, war den Aschenbecher zu nehmen und ihn mit voller Wucht gegen die Tür zu schmeißen. Er zersplitterte in tausend kleine Teile. Mir doch egal.
Sollte Mister Perfect seinen Scheiß doch alleine weg machen.
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